{"id":1701,"date":"2024-10-14T14:31:11","date_gmt":"2024-10-14T12:31:11","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=1701"},"modified":"2024-10-14T14:31:11","modified_gmt":"2024-10-14T12:31:11","slug":"gebaerdensprache-und-gehoerlose-im-osmanischen-palast","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2024\/10\/14\/gebaerdensprache-und-gehoerlose-im-osmanischen-palast\/","title":{"rendered":"Geb\u00e4rdensprache und Geh\u00f6rlose im Osmanischen Palast?"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1701 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1701')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1701').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Inmitten dieser prunkvollen, vielschichtigen Welt stie\u00df ich auf Darstellungen, die mich tief beeindruckten und zugleich zu kritischer Reflexion sowie tiefergehenden Nachforschungen anregten.<\/p>\n\n\n\n<p>Laut Historikern wie Balc\u0131 weisen Quellen darauf hin, dass Geh\u00f6rlose im Palast des Sultans lebten, lernten und arbeiteten \u2013 dies reicht m\u00f6glicherweise bis in die Zeit des Sultans Y\u0131ld\u0131r\u0131m Beyazit (gest. 1403) zur\u00fcck (Balci, 2013). Andere Historiker, darunter Ismail Baykal und Bernard Lewis, argumentieren hingegen, dass dies zeitlich erst bei Mehmet II. (gest. 1481), dem Eroberer, angesetzt werden k\u00f6nne (Scalenghe, 2014). Auch europ\u00e4ische Diplomaten berichten \u00fcber die Existenz geh\u00f6rloser Bediensteter im Palast. So schrieb der 1555 in Istanbul anwesende \u00f6sterreichische Diplomat Busbecq, dass die Geh\u00f6rlosen die wichtigsten Bediensteten des Sultans waren und ihnen besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde (Balci, 2013). Diese Bediensteten \u00fcbernahmen vielf\u00e4ltige Aufgaben \u2013 von einfachen Dienstleistungen \u00fcber sicherheitsrelevante Wachaufgaben bis hin zur Unterhaltung und dem Vollzug von Strafen. Zudem belegen die Quellen, dass die Geb\u00e4rdensprache nicht nur unter den geh\u00f6rlosen Bediensteten, sondern auch zwischen dem Sultan, seinen Bediensteten und den Familienmitgliedern des Sultans aktiv genutzt wurde. Der schwedische Diplomat Claes Ralamb, der 1657 den Sultan Mehmet IV. besuchte, berichtet, dass der Sultan in einer anderen Sprache, n\u00e4mlich mittels Zeichen, mit seinen Bediensteten kommunizierte, und diese seine Anweisungen genauestens verstanden und befolgten. Der englische Historiker Paul Rycaut beschreibt, dass die Unterhaltungen der geh\u00f6rlosen Bediensteten \u00fcber einfache Sachverhalte hinausgingen. Vielmehr waren sie in der Lage, sich in ihrer eigenen Sprache pr\u00e4zise auszudr\u00fccken. Sie konnten Geschichten aus dem Leben ihres Propheten, Erz\u00e4hlungen ihrer Religion sowie die Gesetze und Inhalte des Korans wiedergeben. Dar\u00fcber hinaus war diese Sprache im gesamten Sultanspalast, bis einschlie\u00dflich des Harems, bekannt und wurde auch von h\u00f6renden Bediensteten und den Familienmitgliedern des Sultans genutzt. Scalenghe verweist darauf, dass dies auf eine lange Tradition einer systematisch entwickelten Geb\u00e4rdensprache im Sultanspalast hindeutet (Scalenghe, 2014). Die Vorstellung, dass geh\u00f6rlose Bedienstete nicht nur einfache Aufgaben \u00fcbernahmen, sondern auch hochkomplexe Inhalte diskutierten, er\u00f6ffnet eine neue Perspektive auf das Leben im Palast sowie auf moderne Forschungsans\u00e4tze zur Inklusion.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch bevor wir die Rolle dieser Menschen als historische Inklusionsleistung feiern, sollten wir innehalten und kritisch differenzieren. Der Begriff &#8222;Inklusion&#8220; ist ein moderner Begriff und sollte mit Bedacht verwendet werden. Inklusion, wie sie heute verstanden wird, setzt eine bewusste, gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen voraus. Die Einbindung geh\u00f6rloser Bediensteter im osmanischen Palast war jedoch eher eine pragmatische Entscheidung, die den spezifischen Anforderungen der Palastverwaltung und den politischen Notwendigkeiten entsprach. Eine direkte \u00dcbertragung moderner Inklusionskonzepte auf diese historische Situation w\u00e4re daher problematisch und w\u00fcrde den historischen Kontext verf\u00e4lschen. Es w\u00e4re verk\u00fcrzt, das osmanische Beispiel als Blaupause f\u00fcr moderne Inklusion zu betrachten. Die historische Realit\u00e4t war in vielerlei Hinsicht anders, und es w\u00e4re irref\u00fchrend, die Gegebenheiten des Palastes als Vorl\u00e4ufer unserer heutigen Inklusionspolitik zu idealisieren. Dennoch zeigt uns diese Geschichte, dass Inklusion in verschiedenen Kulturen und Epochen unterschiedlich gelebt wurde \u2013 manchmal bewusst, oft aber auch unbewusst oder aus praktischen Erw\u00e4gungen. Die heutige Forschung muss diese historischen Zeugnisse differenziert betrachten und daraus Ans\u00e4tze f\u00fcr eine breitere, historisch fundierte Perspektive auf Inklusion entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Die im Palast entwickelte Geb\u00e4rdensprache bleibt ein faszinierendes Beispiel, das uns daran erinnert, dass Menschen mit Behinderungen, wenn ihnen die richtigen Mittel zur Verf\u00fcgung stehen, nicht nur gleichberechtigt partizipieren, sondern auch Schl\u00fcsselrollen in der Gesellschaft \u00fcbernehmen k\u00f6nnen. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse sind heute von unsch\u00e4tzbarem Wert. Indem wir solche historischen Beispiele kritisch und differenziert betrachten, k\u00f6nnen wir wertvolle Einsichten f\u00fcr die heutige Inklusionsdebatte gewinnen. Die Vergangenheit liefert keine Blaupausen f\u00fcr heutige Inklusionsstrategien, bietet jedoch wertvolle Impulse daf\u00fcr, wie wir den Begriff der Teilhabe in seiner ganzen Komplexit\u00e4t verstehen und weiterentwickeln k\u00f6nnen. Klicken oder tippen Sie hier, um Text einzugeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Literaturverzeichnis<\/p>\n\n\n\n<p><a>Balci,&nbsp;S. (2013).<\/a> <em>Osmanl\u0131 Devleti\u2018nde Engelliler ve Engelliler E\u011fitimi. Sa\u011f\u0131r, Dilsiz ve K\u00f6rler Mektebi.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a>Scalenghe,&nbsp;S. (2014).<\/a> <em>Disability in the Ottoman Arab World. 1500-1800.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"639\" height=\"1000\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/10\/bild-BloKK.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1702\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/10\/bild-BloKK.jpg 639w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/10\/bild-BloKK-192x300.jpg 192w\" sizes=\"auto, (max-width: 639px) 100vw, 639px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color has-link-color wp-elements-f595915d24686b7b32dcfc6ed86a02d0\">Yasemin Bas ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Religionsp\u00e4dagogik am Paderborner Institut f\u00fcr Islamische Theologie an der Universit\u00e4t Paderborn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit vielen Jahren besch\u00e4ftige ich mich intensiv mit dem Thema Inklusion. 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