{"id":1639,"date":"2024-07-27T15:26:00","date_gmt":"2024-07-27T13:26:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=1639"},"modified":"2024-07-27T15:26:00","modified_gmt":"2024-07-27T13:26:00","slug":"gesellschaftlicher-transfer-lasst-euch-einladen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2024\/07\/27\/gesellschaftlicher-transfer-lasst-euch-einladen\/","title":{"rendered":"Gesellschaftlicher Transfer? Lasst euch einladen!"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1639 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1639')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1639').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Viele zehntausend Menschen sind gekommen, um dem Bundesparteitag der AfD ihr lautstarkes, teils fr\u00f6hliches, teils w\u00fctendes Bekenntnis f\u00fcr Demokratie und Vielfalt entgegenzusetzen. Ein ermutigendes Signal \u2013 doch es gibt etwas am Gesamtbild der Demonstrierenden, das mich anfangs unterschwellig irritiert und (je genauer ich hinschaue) in wachsendem Ma\u00dfe verst\u00f6rt. Ich bin nicht sonderlich Demo-erfahren. Aber ich kenne die Stra\u00dfen, durch die ich hier gerade laufe. Ich kenne die Essener Innenstadt und habe noch nie erlebt, dass ich hier, so weit mein Auge reicht, fast ausschlie\u00dflich wei\u00dfe, deutschst\u00e4mmige \u201eUreinwohner*innen\u201c erblicke. Unter den vielen Hunderten von Menschen, die mein Blick fl\u00fcchtig streift, scheinen sich fast ausnahmslos Nachkommen der einstigen deutschen Mehrheitsgesellschaft zu befinden. Die einzigen Menschen, denen man ihre famili\u00e4re Migrationsgeschichte auf den ersten Blick ansieht, sind die von der Stadt Essen bereitgestellten kleinen Gr\u00fcppchen von Ordnerinnen und Helfern am Stra\u00dfenrand. Mich beschleicht ein ebenso paradoxer wie gruseliger Gedanke: sollte die Vision der Rechtsradikalen von einem weitgehend \u201eausl\u00e4nderfreien\u201c Deutschland etwa ausgerechnet hier, wo engagiert f\u00fcr eine plurale und offene Gesellschaft demonstriert wird, Realit\u00e4t geworden sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Es mag an diesem Tag konkrete, situationsbezogene Gr\u00fcnde daf\u00fcr gegeben haben, dass die postmigrantische Bev\u00f6lkerung kaum vertreten war \u2013 sei es die Angst vor \u00dcbergriffen und Attacken von rechts, sei es das resignative Gef\u00fchl, dass es ja doch nichts bringt. Doch mir scheint, dass diese beunruhigende Momentaufnahme ein Symptom f\u00fcr etwas sehr viel Gr\u00f6\u00dferes ist. Eine Ende letzten Jahres ver\u00f6ffentlichte Studie des Forschungsinstitus Gesellschaftlicher Zusammenhalt mit dem Titel \u201eEntkoppelte Lebenswelten\u201c kommt zu dem Schluss, dass gro\u00dfe Teile der hiesigen Bev\u00f6lkerung selten ihr eigenes Milieu verlassen. Besonders ausgepr\u00e4gt, so die Autor*innen, sei diese \u201eTendenz zur Netzwerksegregation\u201c unter AfD- und Gr\u00fcnen-W\u00e4hler*innen sowie unter hochgebildeten und muslimischen Bev\u00f6lkerungsgruppen.<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Die Auswirkungen dieses gesellschaftlichen Auseinanderdriftens zeigen sich im Kleinen und im Gro\u00dfen, auf regionaler und auf internationaler Ebene. W\u00e4hrend die traditionellen Demokratien mit wachsender Instabilit\u00e4t zu k\u00e4mpfen haben, l\u00e4sst sich auf der Mikroebene beobachten, wie mediale Diskurse unvers\u00f6hnlicher werden und das Unverst\u00e4ndnis f\u00fcr abweichende Positionen w\u00e4chst, w\u00e4hrend in der Realwelt zugleich Fremdheitsgef\u00fchle, Isolation und Einsamkeit um sich greifen \u2013 einst Wesensmerkmale einer gro\u00dfst\u00e4dtischen Lebensform, die aber zunehmend auch in D\u00f6rfern und Kleinst\u00e4dten anzutreffen sind. Mit entsprechender Dringlichkeit suchen NGOs, Parteien, Bildungs- und Kultureinrichtungen nach Wegen, Menschen au\u00dferhalb der eigenen soziokulturellen Bubbles zu erreichen. Spricht man mit Engagierten aus Politik, Kultur oder Klimaschutz vertraulich \u00fcber das Thema \u201eDiversit\u00e4t\u201c, dann landet das Gespr\u00e4ch h\u00e4ufig bei eine ganz \u00e4hnlichen Art von Selbstkritik: man erreiche leider nur ein bestimmtes Milieu; die eigene Klientel sei zu homogen, zu wei\u00df, zu akademisch und bilde noch l\u00e4ngst nicht die Vielfalt der Gesellschaft ab.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend also vielerorts gro\u00dfe Ratlosigkeit herrscht, wie mit der kulturellen Segregation unserer Gesellschaft umzugehen sei, hat die Komparative Theologie eine Antwort auf diese Frage gefunden. Ihr Appell: Gew\u00e4hrt den Andersgl\u00e4ubigen und Andersdenkenden Gastfreundschaft im eigenen Denken und lasst euch umgekehrt von ihnen einladen! H\u00f6rt einander zu und lernt voneinander! Wie gro\u00dfartig diese Antwort ist und wie gut sie funktionieren kann, darf ich seit 2012 \u2013 dem Jahr, in dem ich die Komparative Theologie erstmalig kennenlernte \u2013 in den Projekten unserer interreligi\u00f6sen Musikinitiative <em>Trimum<\/em> erleben.<\/p>\n\n\n\n<p>In meinen Augen geht die Relevanz dieses Ansatzes weit \u00fcber das Themenfeld der Religionen hinaus. Auch andere gesellschaftliche Akteur*innen k\u00f6nnten von der Komparativen Theologie lernen und profitieren, wenn sie sie denn kennen w\u00fcrden \u2013 was aber leider nur sehr selten der Fall ist. Doch warum eigentlich ist die Komparative Theologie au\u00dferhalb der (teils virtuellen, teils steinernen und gl\u00e4sernen) Universit\u00e4tsmauern derart unbekannt?<\/p>\n\n\n\n<p>Seit ich, aus der freien Kulturszene kommend, ein Jahr lang vertretungsweise am CTSI zu Gast sein durfte, liegt einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr mich auf der Hand: Die Komparative Theologie beherzigt ihre eigenen grundlegenden Erkenntnisse nicht. Dort, wo sie sich an ein fachfremdes oder nicht-akademisches Publikum wendet, geschieht dies allzu oft in frontalen Formaten, in einer einseitig vortragenden oder predigenden Form. Statt hinzuh\u00f6ren, Fragen zu stellen, sich ins Denken des jeweiligen Gegen\u00fcbers einladen zu lassen, wird ein One-Way-Konzept von Wissensvermittlung praktiziert: Hier die Expert*innen, die etwas zu sagen haben, dort das Publikum oder die Gemeinde, die zwar adressiert und bespielt, aber nicht als Dialogpartner auf Augenh\u00f6he einbezogen wird. W\u00fcrde die Komparative Theologie ihren eigenen wunderbaren Ansatz ernst nehmen, dann w\u00fcsste sie, dass diese Art von Wissenstransfer in einer weithin s\u00e4kularen und zugleich vielstimmigen Gesellschaft nicht funktionieren kann \u2013 schon gar nicht bei wertegeleiteten und normativ aufgeladenen Themen. Das w\u00e4re nicht weiter schlimm, wenn es sich hier blo\u00df um irgendein Orchideenfach ohne au\u00dferdisziplin\u00e4re Relevanz handeln w\u00fcrde. Doch das Potential der Komparativen Theologie ist zu gro\u00df, ihre Haltung zu wichtig, um sie <em>nicht<\/em> f\u00fcr die restliche Gesellschaft fruchtbar zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb, liebe Komparative Theologinnen und Theologen: Verlasst hin und wieder eure akademische Komfortzone und praktiziert das, was ich in der Theorie von euch lernen durfte: Lasst euch ins Denken der Andersdenkenden einladen! Wagt euch aus der Deckung und setzt euch den Zumutungen und Unbequemlichkeiten internormativer Diskurse und gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse aus! Investiert weniger Zeit in Fachartikel und mehr Zeit in die Welt da drau\u00dfen. Die n\u00e4mlich braucht euch, eure Haltung und eure Expertise!<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a>Siehe <a href=\"https:\/\/fgz-risc.de\/presse\/detailseite\/entkoppelte-lebenswelten-erster-zusammenhaltsbericht-des-fgz-untersucht-die-zusammensetzung-sozialer-bekanntenkreise-in-deutschland\">https:\/\/fgz-risc.de\/presse\/detailseite\/entkoppelte-lebenswelten-erster-zusammenhaltsbericht-des-fgz-untersucht-die-zusammensetzung-sozialer-bekanntenkreise-in-deutschland<\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"681\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/07\/Obadoba-2019-www.gipfeldialogde-04-1024x681.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1640\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/07\/Obadoba-2019-www.gipfeldialogde-04-1024x681.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/07\/Obadoba-2019-www.gipfeldialogde-04-300x200.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/07\/Obadoba-2019-www.gipfeldialogde-04-768x511.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/07\/Obadoba-2019-www.gipfeldialogde-04-451x300.jpg 451w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/07\/Obadoba-2019-www.gipfeldialogde-04.jpg 1154w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"681\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/07\/Obadoba-2019-www.gipfeldialogde-02-1024x681.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1641\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/07\/Obadoba-2019-www.gipfeldialogde-02-1024x681.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/07\/Obadoba-2019-www.gipfeldialogde-02-300x200.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/07\/Obadoba-2019-www.gipfeldialogde-02-768x511.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/07\/Obadoba-2019-www.gipfeldialogde-02-451x300.jpg 451w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/07\/Obadoba-2019-www.gipfeldialogde-02.jpg 1154w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Fotos: Obadoba 2019, (c) Anja Sch\u00e4fer, <a href=\"http:\/\/www.gipfeldialog.de\">www.gipfeldialog.de<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color has-link-color wp-elements-e2cd05dca96aed6f8abdf33a48a9d499\">Bernhard K\u00f6nig ist freiberuflicher Komponist. Vor kurzem erschien im Oekom-Verlag sein Buch \u201eMusik und Klima\u201c, dessen vorletztes Kapitel stark von der Komparativen Theologie gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was die Komparative Theologie von der Komparativen Theologie lernen kann Eine Innenstadt voller Menschen, Plakate, Parolen, Trommelgruppen und Lieder: Ein sch\u00f6nes Bild! Meine T\u00f6chter haben mich \u00fcberredet, sie zur gro\u00dfen Anti-AfD-Demo zu begleiten. 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