{"id":1626,"date":"2024-07-12T11:45:18","date_gmt":"2024-07-12T09:45:18","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=1626"},"modified":"2024-07-12T11:45:18","modified_gmt":"2024-07-12T09:45:18","slug":"der-frieden-vom-anderen-ufer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2024\/07\/12\/der-frieden-vom-anderen-ufer\/","title":{"rendered":"\u201eDer Frieden vom anderen Ufer\u201c"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1626 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1626')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1626').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Sie weist zwar eindeutig weiblich Merkmale auf (siehe Bild), kommt aber vom anderen Ufer. Das vermittelt uns der Name jener Literatur, die sie uns vermittelt, die Praj\u00f1\u0101p\u0101ramit\u0101, die Weisheit (Skt. <em>praj\u00f1\u0101<\/em>) vom anderen (Skt. <em>p\u0101ra<\/em>) Ufer (Skt. <em>mit\u0101<\/em>). Doch was ist das f\u00fcr ein Ufer und was hat das mit der buddhistischen Praxis und vielleicht auch mit unserer heutigen Weltsituation zu tun?<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich existiert auch eine Weisheit unseres Ufers. Sie besteht in der F\u00e4higkeit synthetische und analytische Urteile auf der Grundlage sensualer Erfahrungen zu bilden und logisch zu begr\u00fcnden. Diese Form der Argumentation ist auch dem Buddhismus alles andere als fremd.<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Er selbst beginnt historisch wahrscheinlich nicht mit der Figur des Buddha, von der wir kaum etwas wissen, sondern mit vielen verschiedenen Schulen, die sich bereits fr\u00fch in stark ausschweifenden, philosophischen Streitigkeiten verfangen hatten. Diese gingen prim\u00e4r um die Frage, wie es sein kann, dass es kein Selbst gibt (Skt<em>. an\u0101tman<\/em>) und doch den Kreislauf der Widergeburt (Skt. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/International_Alphabet_of_Sanskrit_Transliteration\"><em>sa\u1e43s\u0101ra<\/em><\/a>). Was wird wiedergeboren, wenn es keine Seele gibt, die den Kreislauf durchl\u00e4uft? Wie so viele logisch-metaphysische Streitigkeiten lie\u00dfen sich diese Diskurse schlicht nicht l\u00f6sen. Zwischen 100 v.Chr. und ca. 400 n.Chr. entstanden dann Textsammlungen, die eine L\u00f6sungsperspektive er\u00f6ffneten, die zuvor nicht bekannt war.<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Zentrales Thema der Texte ist die Natur eines Bodhisattva, eines Wesens auf dem Weg zum Erwachen. Doch wie findet man zum Erwachen? Wie begibt man sich auf den Weg, ein Buddha zu werden?<\/p>\n\n\n\n<p>Am Anfang steht die Einsicht, dass alle auf sensorische Wahrnehmung basierende Erkenntnis keine wirkliche Erkenntnis ist. Wenn man sich auf dem Weg zum Erwachen befindet, hei\u00dft das also, dass man zun\u00e4chst einsieht, dass man tr\u00e4umt. Alle auf der Traumstruktur basierende Erkenntnis w\u00e4re ebenfalls eine reine Verst\u00e4rkung der Traumstruktur. Ein synthetisches Urteil in einem Traum weist auf keine Wirklichkeit au\u00dferhalb des Traumes. Alle aus der Traumstruktur gewonnen Muster helfen aber ebenfalls nicht weiter. Es w\u00fcrde einem Menschen gleichen, der sich an seinen eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen m\u00f6chte. Hier kommt die Weisheit ins Spiel, die nicht Teil der Traumstruktur ist. Sie kommt von der anderen, nicht traumhaften Seite und erf\u00fcllt das Traumbewusstsein mit der Wahrnehmung der Wirklichkeit, wie sie jenseits des Traumes ist. Doch wie \u00f6ffnet man sich f\u00fcr die Weisheit des anderen Ufers?<\/p>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle kennen viele von uns sicherlich die Bilder von buddhistischen M\u00f6nchen, die Stunden und Tage auf Kissen in der Stille verbringen. Ein klassischer Zen-Sesshin dauert sieben Tage und umfasst ca. 12 Stunden stilles Sitzen am Tag. Der Grund f\u00fcr diesen harten Weg liegt in der oben beschriebenen Struktur. Wenn wir unsere sensualen Eindr\u00fccke reduzieren und unsere projektiven Bewusstseinsprozesse zur\u00fcckfahren, dann entsteh in unserem Geist zun\u00e4chst eine Leere. Diese bietet dann aber einen Raum, indem die Wirklichkeit jenseits unserer Projektionen zum ersten Mal eine Chance hat, sich zu zeigen. Einfacher gesagt: Die Weisheit vom diesseitigen Ufer muss das Bewusstsein verlassen, wenn die Weisheit vom anderen Ufer einziehen soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir verstehen aber noch besser, worum es geht, wenn wir die Ursache unseres Leidens aus buddhistischer Sicht begreifen. Wenn wir als Menschen leiden, dann oftmals daran, dass wir uns an unsere Bilder und Projektionen h\u00e4ngen. Wir erkennen sie nicht als projektive Vorstellungen, sondern halten sie f\u00fcr die Wirklichkeit selbst. Wird die Wirklichkeit dann unseren Vorstellungen nicht gerecht rebellieren wir. Dieses Rebellieren gegen die Wirklichkeit ist der zentrale Aspekt des buddhistischen Leidbegriffs.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der Kern der buddhistischen Praxis geht noch etwas tiefer. Es stellt sich n\u00e4mlich sehr schnell die Frage, ob wir \u00fcberhaupt aus der Sicht unserer uneinsichtigen Weisheit etwas Inhaltliches \u00fcber die Weisheit vom anderen Ufer sagen k\u00f6nnen. Was genau bringt sie uns bei, was wir gerade nicht aus den Kategorien unseres allt\u00e4glichen Bewusstseins lernen k\u00f6nnen? Die fr\u00fchen buddhistischen Texte sprechen dies tats\u00e4chlich aus. Zumindest bzgl. der Praxis des Zen: Still zu sitzen und zu meditieren hei\u00dft, zu <em>nicht-zweien<\/em> <a>(chin. <\/a>\u4e0d\u4e8c), was soviel hei\u00dft wie den <em>Geist zu einen<\/em> (Chin. \u4e00 \u5fc3).<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Konkret l\u00e4sst sich diese so beschriebene Wirklichkeit nur erfahren. Beschreiben kann man sie schlecht, weil alle Worte wieder Zweiheiten produzieren, die den geeinten Geist disruptiv zerlegen. Dennoch l\u00e4sst sich eine weitere Gef\u00fchlsqualit\u00e4t auff\u00fchren, die mit der Erfahrung des <em>Einen Geistes<\/em> auftritt: Ein unersch\u00fctterlicher Friede, der keine Bedrohung kennt. Wenn es in meinem Geist kein anderes gibt, dann gibt es auch nichts Bedrohliches. Wenn ich selbst nicht-zwei mit allem bin, dann gibt es auch nichts, dass mich bedroht. Es fallen auch alle Ambitionen und aggressiven Weltbez\u00fcge weg. Der Gedanke, dass mein Land noch nicht gro\u00df genug ist, wird absurd und unm\u00f6glich zu verfolgen. Es ist genau diese Gef\u00fchlsqualit\u00e4t, die mit der Erfahrung des Einen-Geistes einhergeht. Wenn diese Qualit\u00e4t sich allerdings einstellt, wenn sich der Mensch, der sie erf\u00e4hrt, aller projektiven Bez\u00fcge entledigt hat, dann kann es sich nicht einfach um eine kulturell kontingente Erfahrung handeln. Die kontingenten Projektionsmuster wurden ja gerade abgelegt. Stimmt dies, dann m\u00fcsste sich diese Erfahrung zumindest in \u00e4hnlicher Form in anderen geistlichen Bez\u00fcgen finden lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der ersten Abschiedsrede des Johannesevangeliums versucht Jesus zusammenzufassen, was er als Person mit seinem Leben, seinem Sterben und seiner Auferstehung hinterlassen wird: \u201eFrieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch. Euer Herz beunruhige sich nicht, sei auch nicht furchtsam.\u201c (Joh 14,27) Was ist das f\u00fcr ein Frieden, den diese Welt nicht geben kann? Wenn er nicht von dieser Welt kommt, woher dann. Wenn wir den Tod und die Auferstehung Jesu betrachten, dann kann uns bewusstwerden, dass selbst der Tod uns nicht in dem ber\u00fchrt, was wir wirklich sind. Tats\u00e4chlich gibt es bei allen Turbulenzen keinen wirklichen Grund, sein Herz beunruhigen zu lassen. Doch wie soll dies gehen. Die Welt f\u00fchrt uns immer wieder in neue Bedrohlichkeiten. Der Tod ist eine allgegenw\u00e4rtige Pr\u00e4senz, die wir verdr\u00e4ngen, aber eigentlich, rein innerweltlich, nicht beherrschen k\u00f6nnen. Der Satz Jesu spricht somit aus einer anderen Perspektive. Jesus scheint so sehr eins zu sein mit dem Vater, dass es ihm schlicht bewusst ist, dass es nichts gibt, was ihn wirklich bedrohen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte an dieser Stelle keinen simplen Vergleich ziehen. Dennoch konvergieren hier zwei Erfahrungen, die uns in dieser Zeit meines Erachtens unbedingt angehen. K\u00f6nnen wir in einer Welt existieren, die nur noch un\u00fcberwindbare Polarit\u00e4ten zu kennen scheint? Oder ist uns die Erfahrung des einen Geistes der Zen-Praxis ansatzweise zug\u00e4nglich? Und wenn diese tats\u00e4chlich in einen unbedingten Frieden hin\u00fcberleitet, der wie nicht von dieser Welt ist, k\u00f6nnen wir als Christen an dieser Stelle etwas \u00fcber die Erfahrung Jesu von einer buddhistischen Lebenspraxis lernen? Was kann es hei\u00dfen, den Geist zu einen? Was k\u00f6nnte es hei\u00dfen, mitten in den Disruptionen dieser Zeit, den Imperativ Jesu ernst zu nehmen: \u201eEuer Herz beunruhige sich nicht.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> F\u00fcr eine beispielhafte Darlegung eines Begr\u00fcndungstheoretischen Zugangs im Buddhismus vgl. Paul, G. Zur Liste der begr\u00fcndungstheoretischen Schriften im neuentdeckten &#8222;Alten Verzeichnis buddhistischer Lehren&#8220; des Nanatsu-Tempels. <em>H\u00f4rin: Vergleichende Studien zur japanischen Kultur <\/em>1, S. 87-104.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> F\u00fcr eine genauere Datierung vgl. Conze, E. Perfect Wisdom: The Short Prajnaparamita Texts, Buddhist Publishing Group, 1993, i-iii.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. hierzu R\u00d6LLICKE, H.-J., Der Ursprungsgedanke des Chan-Buddhismus im China des 7. Jahrhunderts, in: R\u00d6LLICKE, H.-J. (Hr.), Denken der Religion, M\u00fcnchen 2010, 231\u2013247.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"190\" height=\"253\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/07\/Bild1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1627\" style=\"width:283px;height:auto\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color has-link-color wp-elements-8e16d99dbd548411b84c91225cf8b3f2\">Dr. Daniel Rumel ist Lehrbeauftragter im Bereich Systematische Theologie am Institut f\u00fcr Katholische Theologie der Universit\u00e4t Paderborn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Religionen gelten auf der ganzen Welt als Wege der Weisheit. In vielen Formen begegnet sie uns auch allegorisch und in den meisten Traditionen ist sie weiblich. Ob Athene oder Sophia aus dem Philippus-Evangelium. 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