{"id":1618,"date":"2024-06-28T09:58:57","date_gmt":"2024-06-28T07:58:57","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=1618"},"modified":"2024-06-28T10:08:01","modified_gmt":"2024-06-28T08:08:01","slug":"weggabelungen-und-entscheidungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2024\/06\/28\/weggabelungen-und-entscheidungen\/","title":{"rendered":"Weggabelungen und Entscheidungen"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1618 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1618')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1618').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. N\\u00e4heres erfahren Sie durch einen Klick auf das <em>i<\\\/em>.\",\"settings_perma\":\"Dauerhaft aktivieren und Daten\\u00fcber-tragung zustimmen:\",\"info_link\":\"http:\\\/\\\/www.heise.de\\\/ct\\\/artikel\\\/2-Klicks-fuer-mehr-Datenschutz-1333879.html\",\"uri\":\"https:\\\/\\\/blogs.uni-paderborn.de\\\/zekkblog\\\/2024\\\/06\\\/28\\\/weggabelungen-und-entscheidungen\\\/\",\"post_id\":1618,\"post_title_referrer_track\":\"Weggabelungen+und+Entscheidungen\",\"display_infobox\":\"on\"});}});\n\/* ]]> *\/<\/script><\/div>\n<p>Rabbi Abba Tachana mit dem Beinamen &#8222;der Fromme&#8220;, war einmal am Freitag-Nachmittag auf dem Weg nach Hause in seine Stadt. Es war schon Sp\u00e4tnachmittag, kurz vor Beginn von Schabbat. Abba Tachana Chasida war nicht reich, deshalb musste er w\u00e4hrend der Woche in der benachbarten Stadt arbeiten und dort den Lebensunterhalt f\u00fcr sich und seine Familie verdienen. Und nun, wie jeden Freitagnachmittag, trug er auf seiner Schulter das B\u00fcndel mit den Lebensmitteln f\u00fcr sich und seine Familie. Abba Tachana Chasida ging an diesem Freitagabend z\u00fcgig seines Weges und kam an eine Weggabelung.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Wege, ein typisches Bild f\u00fcr eine Entscheidungssituation, also eine Situation, die eine Frage an den Menschen richtet, auf die er antworten muss. Im Falle von Abba Tachana Chasida lag an dieser Weggabelung ein Mann, der dort hingefallen war, Schmerzen hatte und zu schwach war, um weiterzugehen. Der Kranke und Schwache sah Abba Tachana Chasida und flehte ihn an: &#8222;Rabbi, schaffe mir Gerechtigkeit (<em>Zedaka<\/em>), erweise mir Wohlt\u00e4tigkeit und trage mich in die Stadt!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Abba Tachana Chasida dachte: &#8222;Wenn ich das B\u00fcndel mit den Lebensmitteln jetzt absetze und ihn hineintrage, wovon werden ich und meine Familie dann leben? Aber wenn ich den Kranken und Schwachen hier liegen lasse, dann verwirke ich mein Leben, das w\u00e4re eine gro\u00dfe S\u00fcnde.&#8220; Was tat er? Er lie\u00df den guten Trieb \u00fcber den b\u00f6sen Trieb herrschen, legte sein Lebensmittelb\u00fcndel nieder, hob den schwachen Mann auf seine Schultern und trug ihn in die Stadt. Dann ging er wieder zur\u00fcck und nahm sein Lebensmittelb\u00fcndel und betrat damit die Stadt in der D\u00e4mmerung nach Schabbatbeginn, aber am Schabbat aber darf man keine Lasten in eine Stadt hineintragen. Die Leute in der Stadt waren hoch erstaunt: &#8222;Ist das nicht Abba Tachana der &#8222;<em>Fromme&#8220;<\/em>?&#8220; Auch Abba Tachana Chasida selbst \u00fcberkamen Zweifel: Er gr\u00fcbelte in seinem Herzen: &#8222;Habe ich nun Schabbat entweiht?&#8220; In diesem Moment \u2013 so erz\u00e4hlt der Midrasch \u2013 lie\u00df der Heilige, gepriesen sei er, die Sonne just wieder aufgehen, so dass die D\u00e4mmerung erschien, als w\u00e4re blo\u00df eine Wolke vor der Sonne gewesen, denn es hei\u00dft in der Bibel: &#8222;Die Sonne der Gerechtigkeit (<em>Zedaka<\/em>) leuchtet \u00fcber denen, die mich ehren&#8220; (Mal 3,20). Aber in jenem Moment gr\u00fcbelte der Rabbi weiter: Vielleicht erhalte ich keinen Lohn bei Gott f\u00fcr die gute Tat? Da ert\u00f6nte eine Stimme aus dem Himmel, die sagte (Koh 9,7): &#8222;Geh, iss dein Brot mit Freude, trinke guten Gewissens deinen Wein, denn l\u00e4ngst schon hat Gott deine Tat gesehen und deinen Lohn bereitgestellt&#8220; (nach Midrasch Kohelet Rabba 9,7).<\/p>\n\n\n\n<p>Rabbiner Leo Baeck sagte: &#8222;Es ist das Besondere und Sch\u00f6pferische des j\u00fcdischen Optimismus, dass jeder Glaube hier als Verantwortlichkeit begriffen wird&#8230; Und so bezeichnet dieser auf den Menschen gerichtete Glaube auch eine dreifache Verantwortlichkeit \u2026 Es ist die Verantwortlichkeit, die der einzelne gegen\u00fcber sich selbst vor seinem Gott empfinden soll \u2026 Es ist die Verantwortlichkeit vor Gott gegen den Nebenmenschen \u2026 Es ist endlich die Verantwortlichkeit vor Gott gegen\u00fcber der Menschheit&#8220;<a href=\"#_edn1\" id=\"_ednref1\">[1]<\/a>, d.h. im Judentum dreht sich letztlich alles darum, verantwortlich zu leben. Rabbi Abba Tachana Chasida handelte unbestritten verantwortlich \u2013 dem Schwachen gegen\u00fcber und sich selbst gegen\u00fcber und seiner Familie gegen\u00fcber. In der Geschichte fehlt der Aspekt der Umwelt und der Gesellschaft, aber eine Geschichte kann nicht alles abdecken. Man k\u00f6nnte diese Geschichte auch anders erz\u00e4hlen und eine Not der Leute in der Stadt oder eines Tieres anstelle des Hingefallenen w\u00e4hlen. Der Aspekt, dass im Midrasch Gottes Stimme ert\u00f6nt, zeigt, dass menschliches Leben im Dialog, als Frage und Antwort geschieht, wobei Gott sich in dieser Geschichte als ebenso verantwortlich zeigt \u2013 Gott rettet die Ehre von Rabbi Abba Tachana Chasida \u2013 wie der Mensch sich f\u00fcr sich und seine Mitmenschen verantwortlich gezeigt hat. Auch Gott wird in der j\u00fcdischen Tradition als &#8222;verantwortlich&#8220; verstanden, er muss sich unseren Fragen und Klagen stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der j\u00fcdischen Tradition wird der Mensch von Anfang an definiert als jemand, der mindestens zwei M\u00f6glichkeiten hat und sich sp\u00e4ter f\u00fcr seine Wahl verantworten muss. In Genesis 3,9 fragt Gott Adam, nachdem er das Speisegebot \u00fcbertreten hatte: <em>&#8218;ajekah<\/em> &#8222;Wo bist du?&#8220; Dies ist der Tora zufolge das erste Mal in der Geschichte, dass der Mensch sich f\u00fcr eine Tat verantworten muss und damit eine f\u00fcr die ganze Menschheit symbolische Situation. Der Mensch wird gefragt: <em>&#8218;ajekah<\/em> &#8222;Wo bist du?&#8220; So wie die Menschen umgekehrt manchmal Gott fragen: Wo bist du? Raschi erkl\u00e4rt: Gott wusste nat\u00fcrlich, wo der Mensch steckte, aber er wollte gern mit ihm ein Gespr\u00e4ch beginnen, damit das Urteil den Menschen dann nicht pl\u00f6tzlich \u00fcberraschen w\u00fcrde.&#8220;<a href=\"#_edn2\" id=\"_ednref2\">[2]<\/a> Etwas genauer brachte es Midrasch Tanchuma auf den Punkt: &#8222;Wusste Gott nicht, wo Adam war? Er fragt ihn, um ihm die M\u00f6glichkeit zur Umkehr zu geben&#8220;.<a href=\"#_edn3\" id=\"_ednref3\">[3]<\/a> Leben im Dialog mit Gott \u2013 anders gesagt, religi\u00f6ses Leben \u2013 bedeutet aus j\u00fcdischer Sicht also, auf Fragen \u00fcber die eigenen Entscheidungen Antworten geben zu k\u00f6nnen \u2013 sich zu verantworten \u2013 aber gerade dieses Sich-Verantworten bedeutet auch, die Chance bekommen, sein Handeln zu ver\u00e4ndern. Nach der Antwort kann n\u00e4mlich die Richtung des eingeschlagenen Weges immer noch ver\u00e4ndert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Midraschim deuten die Stelle aber v\u00f6llig anders.<a href=\"#_edn4\" id=\"_ednref4\">[4]<\/a> Das hebr\u00e4ische Wort <em>&#8218;ajekah<\/em> &#8211; &#8222;Wo bist du?&#8220;, also die Konsonanten <em>Alef, jod, kaf\/chaf, he<\/em>, ergeben mit anderen Vokalen <em>&#8218;echa<\/em> &#8222;ach!&#8220; im klagenden Sinne von: Oh weh! Mit diesem Wort beginnt das biblische Buch der Klagelieder (hebr. <em>&#8218;Echah<\/em>), das an <em>Tischa be Aw<\/em>, dem Tag der Erinnerung an Zerst\u00f6rungen von Heiligt\u00fcmern (des ersten und zweiten Tempels in Jerusalem und zahlreicher j\u00fcdischen Gemeinden seit dem Mittelalter) gelesen wird. Liest man den Text so, ergibt sich ein ganz anderer Sinn: Da rief Gott Adam und sagte in Bezug auf ihn: &#8222;<em>Echa<\/em>&#8220; \u2013 &#8222;Oh weh!&#8220; Gott sieht den Menschen, der sein Gebot \u00fcbertrat, und Gott komponiert ein Klagelied. Damit aber wird dem Menschen die volle Freiheit gegeben, wie er nun reagiert: Wird er antworten? Wird er Gottes Klage ignorieren? Wird er mit Gott zusammen \u00fcber sich klagen? Wird er dagegen protestieren?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mag diese Deutung des Midrasch, auch wenn sie nicht der Mainstream der j\u00fcdischen Religionsphilosophie ist. &#8222;Gottes Frage an ihn [den Menschen] bleibt.&#8220; schrieb zum Beispiel Martin Buber &#8222;Und antworten soll er, der Einzelne, mit seinem Tun und Lassen antworten, die Stunde, die Weltstunde, die Allerweltsstunde als die ihm gewordene, ihm anvertraute annehmen und verantworten. \u2026 Antworten sollst du \u2013 Ihm.&#8220;<a href=\"#_edn5\" id=\"_ednref5\">[5]<\/a> Doch der Midrasch, demzufolge Gott \u00fcber die Menschheit klagt, f\u00fchrt die Menschen in die Freiheit hinein und sogar in die Freiheit der Wahl selbst, ob er antworten will oder nicht und auf was und was nicht.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref1\" id=\"_edn1\">[1]<\/a> Leo Baeck, Das Wesen des Judentums, 6.&nbsp;Aufl. Wiesbaden 1995 (= Nachdruck Darmstadt 1965),&nbsp;91f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref2\" id=\"_edn2\">[2]<\/a> Raschi zur Stelle, zitiert nach Raschis Pentateuchkommentar, vollst\u00e4ndig ins Deutsche \u00fcbertragen und mit einer Einleitung versehen von Rabbiner Dr. Selig Bamberger, 4. Aufl. Basel 1994,&nbsp;11.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref3\" id=\"_edn3\">[3]<\/a> Midrasch Tanchuma Tasria&nbsp;1,9.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref4\" id=\"_edn4\">[4]<\/a> Midrasch Bereschit Rabba&nbsp;19,9; vgl. Pesikta de Raw Kahana&nbsp;15,1, und andere.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref5\" id=\"_edn5\">[5]<\/a> Martin Buber, Das dialogische Prinzip, Darmstadt 1962,&nbsp;241.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/06\/weggabelung-sommer-2-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1619\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/06\/weggabelung-sommer-2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/06\/weggabelung-sommer-2-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/06\/weggabelung-sommer-2-768x576.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/06\/weggabelung-sommer-2-400x300.jpg 400w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/06\/weggabelung-sommer-2.jpg 1367w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color has-link-color wp-elements-e6f9e8acf734a14e465792ce86e5d24b\">Dr. Annette Boeckler ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Katholisch-Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Bonn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rabbi Abba Tachana mit dem Beinamen &#8222;der Fromme&#8220;, war einmal am Freitag-Nachmittag auf dem Weg nach Hause in seine Stadt. Es war schon Sp\u00e4tnachmittag, kurz vor Beginn von Schabbat. Abba Tachana Chasida war nicht reich, deshalb musste er w\u00e4hrend der &hellip; <a href=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2024\/06\/28\/weggabelungen-und-entscheidungen\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":9271,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1618","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1618","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9271"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1618"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1618\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1622,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1618\/revisions\/1622"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1618"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1618"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1618"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}