{"id":1583,"date":"2024-05-03T10:31:55","date_gmt":"2024-05-03T08:31:55","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=1583"},"modified":"2024-05-03T10:31:55","modified_gmt":"2024-05-03T08:31:55","slug":"gedanken-zu-frieden-aus-christlicher-perspektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2024\/05\/03\/gedanken-zu-frieden-aus-christlicher-perspektive\/","title":{"rendered":"Gedanken zu Frieden aus christlicher Perspektive"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1583 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1583')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1583').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Wird Friede christlicherseits somit als etwas verstanden, das ausschlie\u00dflich auf Gott zur\u00fcckgeht, sodass Menschen nichts dazu beitragen k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Frage ist mit Bezug auf biblische Aussagen wie in Psalm 34, 15 mit einem \u201eNein\u201c zu beantworten. Dieser Psalmvers hat folgenden Wortlaut: \u201eLass ab vom B\u00f6sen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!\u201c Er war der Losungstext f\u00fcr den 10. Januar dieses Jahres. Der zu dieser Losung ausgesuchte neutestamentliche Lehrtext lautet: \u201eLasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander\u201c (R\u00f6mer 14, 19). In diesen beiden Bibelversen begegnet nicht die Vorstellung von Frieden als einer Gabe Gottes, die nur erbeten werden kann, sondern vielmehr die eines Ziels, das Menschen erreichen sollen und k\u00f6nnen. Hei\u00dft dies, dass der Friede keine Gabe Gottes ist, die erbeten werden kann? Nein, Friede ist eine Gabe Gottes \u2013 eine Gabe freilich, die mit einer Aufgabe verbunden ist, der Aufgabe, sich f\u00fcr den Frieden einzusetzen, ihn zu suchen, ihm nachzujagen und dem nachzustreben, was ihm dient, um es mit den Worten dieses Losungstextes und dieses Lehrtextes zu sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Friede keineswegs selbstverst\u00e4ndlich ist, sondern Engagement seitens der Menschen erfordert, stellt sich die Frage, wie dieses Engagement konkret Gestalt annehmen kann. Im Neuen Testament ist die Antwort auf diese Frage die Forderung der Feindesliebe \u2013 zweifellos die schwerste Forderung an Jesu damalige J\u00fcnger*innen wie auch an alle sp\u00e4ter lebenden Menschen, die sich bem\u00fchen, ihr Leben in der Nachfolge Jesu zu gestalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie kann sie gelebt werden, die Feindesliebe? Als conditio sine qua non ist die Bereitschaft zur Vergebung zu nennen. Auch sie \u2013 die Bereitschaft, zu vergeben \u2013 hat im christlichen Glauben und seiner gelebten Praxis einen hohen Stellenwert \u2013 einen so hohen, dass sie im bedeutendsten christlichen Gebet, dem Vaterunser, ihren Ort hat: \u201eUnd vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben un\u00adsern Schuldigern\u201c. Die Vergebung, um die mit diesen Worten gebeten wird, ist ebenso lebens\u00adnotwendig wie das t\u00e4gliche Brot, um das Gott in der unmittelbar vorhergehenden Bitte gebeten wird. Und so sind diese bei\u00adden Bitten durch das Wort \u201eund\u201c miteinan\u00adder ver\u00adbunden: \u201eUnser t\u00e4gli\u00adches Brot gib uns heute <em>und<\/em> vergib uns unsere Schuld\u201c. Die Bitte im Vaterunser, in der um Vergebung ge\u00adbeten wird, ist in aller nur m\u00f6glichen K\u00fcrze formu\u00adliert: \u201eUnd vergib uns unsere Schuld\u201c. Aber auf diese Bitte folgt ein Nachsatz. Allein dies ist bemer\u00adkenswert, denn diese Bitte ist die einzige im ge\u00adsamten Vaterunser, die mit einem Nachsatz verse\u00adhen ist. Dieser Nachsatz lautet: \u201ewie auch wir vergeben unsern Schuldigern\u201c. Damit werden g\u00f6ttliches und menschliches Handeln zueinander in Beziehung ge\u00adsetzt. Christ*innen, die letztlich immer auf die Verge\u00adbung durch Gott angewie\u00adsen sind, k\u00f6nnen ihn nicht aufrichtig um seine Vergebung bitten, wenn sie selber nicht bereit sind, ihren N\u00e4chsten zu vergeben, die ihnen gegen\u00fcber schuldig ge\u00adworden sind. Dem entspricht die Aussage, die im Matth\u00e4usevan\u00adgelium unmittelbar auf das Vater\u00adunser folgt: \u201eDenn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben\u201c (Mt 6,14f.).<\/p>\n\n\n\n<p>Damit diese Erkenntnis jedoch nicht zu einer belanglosen theologischen Richtigkeit verkommt, sondern gelebt werden kann, gilt es wahr- und ernstzunehmen, wie schwer es ist, Menschen zu vergeben, unter denen man gelitten hat. Vergebung geh\u00f6rt zu den Begriffen, die nicht leichtfertig in den Mund genommen werden sollten. Denn er benennt eine der schwersten Herausforderungen, vor die Menschen gestellt werden k\u00f6nnen. Christoph Huppenbauer hat in seinem vor zehn Jahren erschienenen Buch \u201aVergebung \u2013 Zumutung des Glaubens. Herausforderung f\u00fcr kirchliches Handeln\u2018 (Rosengarten bei Hamburg: Steinmann Verlag 2014) herausgestellt, wie schwer es f\u00fcr Opfer von Gewalt ist, Vergebung zu praktizieren \u2013 und zugleich aufgezeigt, dass der Vergebung eine befreiende Kraft innewohnt, die den Teufelskreis von Vergeltung, von Rache durchbrechen kann. Die M\u00f6glichkeit der Vergebung ist etwas \u00fcberaus Wertvolles; sie kann den Weg zu Vers\u00f6hnung und Frieden ebnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die M\u00f6glichkeit der Vergebung kann auch pervertiert werden, wenn von den Opfern von Gewalt, sei es direkt, sei es indirekt, eingefordert wird, sie m\u00fcssten den T\u00e4ter*innen, die ihnen Gewalt angetan haben, vergeben. Die am 25. Januar dieses Jahres der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentierte <em>Aufarbeitungsstudie ForuM zu sexualisierter Gewalt in der Evangelischen Kirche und Diakonie<\/em> und die anschlie\u00dfende Auseinandersetzung mit dieser Studie zeigen, dass eben dies geschehen ist, indem Opfer sexualisierter Gewalt unter moralischen Druck gesetzt worden sind, ihren T\u00e4ter*innen zu vergeben. Die Forderung zu vergeben d\u00fcrfen Menschen nie an andere stellen, sondern \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 nur an sich selbst. Und auch dies ist kritisch zu hinterfragen, denn jemand sollte nur dann vergeben, wenn er bzw. sie dazu in der Lage ist, und nicht, weil er bzw. sie moralischen Ma\u00dfst\u00e4ben gen\u00fcgen m\u00f6chte, die eine \u00dcberforderung darstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bedeutet dies nun, dass Feindesliebe und Vergebung realit\u00e4tsfern sind? Nein; es gibt zutiefst ermutigende Beispiele daf\u00fcr, dass es gelingen kann, Feindesliebe und Vergebung nicht nur in der Theorie gutzuhei\u00dfen, sondern in der Praxis eines Lebens, das durch erlebte und erlittene Gewalt zutiefst gepr\u00e4gt ist, zu leben. Ein Beispiel daf\u00fcr ist der Parents Circle, ein Zusammenschluss von mehr als 500 israelischen und pal\u00e4stinensischen Familien, die durch den Konflikt zwischen ihren V\u00f6lkern Kinder oder nahe Angeh\u00f6rige verloren haben und sich gemeinsam f\u00fcr Vers\u00f6hnung, Dialog und Frieden einsetzen. Diese Initiative wurde bereits mit etlichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Dass israelische Eltern, deren Kind von Pal\u00e4stinensern get\u00f6tet wurde, und pal\u00e4stinensische Eltern, deren Kind von Israelis get\u00f6tet wurde, sich treffen, um sich gemeinsam f\u00fcr den Frieden zwischen ihren beiden V\u00f6lkern einzusetzen, zeigt, dass Feindesliebe m\u00f6glich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die christliche Feindesliebe kann also den Weg zu Frieden ebnen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass s\u00e4mtliche Christ*innen dies als den einzigen Weg zum Frieden ansehen und somit Pazifist*innen sind. Christ*innen bilden als Kirche einen Teil der Gesellschaft ab; gibt es unterschiedliche Auffassungen hinsichtlich der Frage, wie Friede erreicht werden kann, in der Gesellschaft, so gibt es sie auch in der Kirche. Um auch dies anhand von konkreten Beispielen darzulegen: Der fr\u00fchere Generalsekret\u00e4r des Lutherischen Weltbundes hatte im Jahr 1993 anl\u00e4sslich des Krieges im ehemaligen Jugoslawien zum milit\u00e4rischen Eingreifen in Bosnien aufgerufen und sich dabei auf den Artikel 16 der Confessio Augustana (Augsburgisches Bekenntnis von 1530) berufen, in dem vom \u201ebellum iustum\u201c, vom \u201egerechten Krieg\u201c, die Rede ist. Dies l\u00f6ste damals eine heftige Kontroverse innerhalb der Kirche aus. Diese Debatte erlebte in unseren Tagen gleichsam eine Neuauflage, als Annette Kurschus, die mittlerweile ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die Auffassung vertrat, dass Waffenlieferungen an die Ukraine mit christlichen Grunds\u00e4tzen zu vereinbaren seien. In einem online ver\u00f6ffentlichten Interview des Nachrichtenmagazins \u201aSpiegel\u2018 sagte sie: \u201eDie Menschen in der Ukraine haben ein Recht auf Verteidigung. Und es gibt auch das christliche Gebot der Nothilfe, wenn Menschen ermordet, gefoltert, erniedrigt, vertrieben werden.\u201c In einer weiteren \u00c4u\u00dferung hat sie die Waffenlieferungen ebenfalls direkt mit dem christlichen Glauben in Verbindung gebracht: \u201eWaffen f\u00fcr die Ukraine sind Pflicht christlicher N\u00e4chstenliebe.\u201c Diesen Aussagen von Annette Kurschus wurde von anderen Christ*innen z.T. heftig widersprochen. Ich nenne nur zwei Beispiele: Margot K\u00e4\u00dfmann, ebenfalls ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, spricht sich mit Vehemenz gegen Waffenlieferungen an die Ukraine aus, da diese dem Frieden nicht dienen w\u00fcrden. Auch in der Stellungnahme \u201aChrist*innen sagen Nein zu Waffenlieferungen und Aufr\u00fcstung\u2018 von einer Gruppe von Pfarrer*innen der w\u00fcrttembergischen Landeskirche wird die Auffassung vertreten, dass eine milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung der Ukraine keine dauerhafte Friedensperspektive biete (vgl. Susanne B\u00fcttner, Zum andauernden Krieg in der Ukraine. W\u00fcrttembergischer Friedensaufruf zum Reformationstag an Kirche und Politik, in: Deutsches Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt 123, 11\/2023, S. 700f.). Diese Vielfalt von Positionen gibt es in der Kirche; sie muss in der Kirche ausgehalten werden und sie kann auch ausgehalten werden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"712\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/05\/BloKK-Andrea-Taschl-Erber-7-1-1024x712.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1586\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/05\/BloKK-Andrea-Taschl-Erber-7-1-1024x712.png 1024w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/05\/BloKK-Andrea-Taschl-Erber-7-1-300x208.png 300w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/05\/BloKK-Andrea-Taschl-Erber-7-1-768x534.png 768w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/05\/BloKK-Andrea-Taschl-Erber-7-1-432x300.png 432w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/05\/BloKK-Andrea-Taschl-Erber-7-1.png 1052w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color has-link-color wp-elements-4a346b51efa8a900a77bfe6983269c0e\">PD Dr. Hans-Christoph Go\u00dfmann ist Privatdozent an der Universit\u00e4t Paderborn im Bereich Religionsp\u00e4dagogik\/ Praktische Theologie am Evangelischen Institut.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angesichts der Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten und an vielen anderen Orten werden vielerorts Friedensgebete gehalten. 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