{"id":1553,"date":"2024-03-15T13:05:15","date_gmt":"2024-03-15T12:05:15","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=1553"},"modified":"2024-03-15T13:05:15","modified_gmt":"2024-03-15T12:05:15","slug":"zur-herausgeforderten-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2024\/03\/15\/zur-herausgeforderten-demokratie\/","title":{"rendered":"Zur herausgeforderten Demokratie"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1553 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1553')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1553').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Damit sichern sie als soziales, im Volkswillen wurzelndes Ordnungsgef\u00fcge wie keine andere Sozialform die menschliche Freiheit, Solidarit\u00e4t und W\u00fcrde. Nat\u00fcrlich handelt es sich hierbei um eine formale und mitunter idealisierte Lesart deliberativ-repr\u00e4sentativer Demokratie, die in der komplexen, pluralen Sp\u00e4tmoderne zudem st\u00e4ndig mit Aktualisierungsfragen, Legitimations- und Steuerungsproblemen konfrontiert ist. Umgekehrt l\u00e4sst sich aber eben diese Aktualisierungsnotwendigkeit als Indikator epistemischer und ethischer Verantwortung bestimmen, geht damit doch auch immer die Gelegenheit zur Korrektur und Ver\u00e4nderung einher.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn wir der Demokratie auf den ersten Blick also attestieren m\u00fcssen ein spannungsreiches, ressourcenintensives Unterfangen zu sein, das \u2013 um es mit Jaques Derrida zu formulieren \u2013 schon alleine wegen seiner Historizit\u00e4t immer im Kommen (\u00e0 venir) zu bleiben scheint, so entpuppt sich dies auf den zweiten Blick also als ein Qualit\u00e4tsmerkmal nachmetaphysischer Entscheidungsfindung. Die prozessuale Unabschlie\u00dfbarkeit entlarvt alle Machtfixierungsversuche und bedeutet zudem gerade nicht, dass die in Demokratien gel\u00f6sten normativen Anspr\u00fcche beliebig sind oder verhandelbar w\u00e4ren. Zumindest dann nicht, wenn werte- und perspektivenplurale Gesellschaften langfristig ein friedliches Miteinander gew\u00e4hrleisten wollen, in dem nicht die Macht der St\u00e4rkeren regiert, sondern eine Form der respektvollen, verst\u00e4ndigungsorientierten Kooperation, in der sich Menschen trotz ihrer unterschiedlichen Bedarfe und Perspektiven auf Augenh\u00f6he begegnen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Blick auf die politischen Entwicklungen der letzten Jahre ist dieser grundlegende Konsens \u00fcber die Bedeutung von Demokratie jedoch zunehmend unter Druck geraten. Es war jedoch lange nicht vorstellbar, dass damit auch rechtsextreme, v\u00f6lkische Propaganda wieder salonf\u00e4hig wird, in deren Fahrtwasser dann gerne auch die Geltung demokratischer Verfassungen insgesamt in Frage gestellt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die Deutsche Bischofskonferenz sich in der letzten Woche so deutlich gegen dererlei Tendenzen positioniert und daran orientierte Parteien f\u00fcr Christinnen als \u201eunw\u00e4hlbar\u201c bestimmt hat, ist dementsprechend nicht nur f\u00fcr mich pers\u00f6nlich erfreulich. Mit Blick auf das in gro\u00dfen Teilen&nbsp; menschenverachtende, \u00c4ngste instrumentalisierende, anti-demokratische Programm der selbsternannten \u201eAlternative f\u00fcr Deutschland\u201c erweist sich dies in der zunehmend angespannten Lage und in Bezug auf die anstehenden Europa- und Landtagswahlen auch als unbedingt erforderlich; steht der Glaube an den Gott der Befreiung doch in fundamentalem Gegensatz dazu, was als vermeintlich notwendige politische Neuausrichtung durch diese Str\u00f6mungen vorgeschlagen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders bemerkenswert erscheint mir in diesem Zusammenhang zudem, dass die DBK zugleich gefordert hat, mit Menschen, die diesen Ideologien nahestehen, im Gespr\u00e4ch zu bleiben. Damit kann wohl nicht gemeint sein, ihnen eine B\u00fchne f\u00fcr ihre menschenfeindlichen Programme zu bieten. Es geht den Deutschen Bisch\u00f6fen vielmehr darum die Motive, Sorgen und \u00c4ngste nicht zu \u00fcbergehen, die Menschen dazu verleiten, ihre Zukunftshoffnungen auf diese Partei zu setzen.<\/p>\n\n\n\n<p>In meinem Verst\u00e4ndnis der bisch\u00f6flichen Forderung verbindet sich damit zugleich eine Ursachendiagnose f\u00fcr die gesellschaftlichen Polarisierungen und die Politikm\u00fcdigkeit, die unsere westlichen Demokratien gegenw\u00e4rtig enorm herauszufordern scheinen: So kommen aus den Politikwissenschaften, der kritischen Soziologie und der Sozialphilosophie schon seit einiger Zeit Hinweise darauf, dass der Aggressionsmodus der Politik, ihre Verwissenschaftlichung und Moralisierung bzw. die damit verbundene Vereinseitigung an Handlungsoptionen Einzelpersonen abh\u00e4ngt und eine zunehmend sprachlose Gesellschaft zur\u00fcck l\u00e4sst. Der Reflex anders Denkende als irrational zu bezeichnen und damit letztlich zu \u201esilencen\u201c, mag angesichts der immer absurderen Verschw\u00f6rungsszenarien naheliegen. Es ist aber eben auch dieser Reflex, der anderen vermittelt, ihre Stimme, ihre Interessen z\u00e4hlten nicht. Polarisierung, Kompromisslosigkeit und Radikalopposition sind dabei kurzfristige Folgen, die jedoch langfristig das soziale Band zwischen Menschen zerschneiden und Demokratien destabilisieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in der Forderung, Politik nicht zum Sprachrohr wissenschaftlicher Einzelanalysen zu machen, geht es entsprechend nicht etwa darum, politische Entscheidungen auf Basis von partikularen Gef\u00fchlen und in Absehung von sachlichen Argumenten bzw. \u00a0Fakten zu treffen. Vielmehr w\u00e4re es wichtig anzuerkennen und daran zu erinnern, dass Politik als Gestaltungs- und Steuerungswerkzeug die Aufgabe einer rationalen, differenzierenden und nachvollziehbaren Abw\u00e4gung und Orchestrierung multipler Ziele und Interessen innewohnt. Um Politik in diesem Sinne wieder m\u00f6glich zu machen \u2013 so wie es das gemeinsame Wort der Kirchen bereits 1997 als programmatisches Ziel formuliert hatte \u2013 gilt es Moralisierung durch selbstkritische Moral zu ersetzen, Verst\u00e4ndnis f\u00fcr alternative Perspektiven zu kultivieren und Kompromisse als gemeinsame Weggrundlage neu zu entdecken. Bei einer solchen Profilierung der Politik als potentieller Resonanzsph\u00e4re, d.h. als Kommunikations- und Beteiligungsraum, kommt auch den (institutionalisierten) Religionen als zivilgesellschaftlichen Akteurinnen eine wichtige Aufgabe zu: nicht nur kann die theologisch reflektierte Zusage Gottes zu seiner Sch\u00f6pfung eine alternative Welthaltung motivieren, an der die Logiken der Verf\u00fcgbarmachung und einfachen Identit\u00e4tspolitik brechen. Gerade weil das an nichts in der Welt Ma\u00df nehmende Angenommen-Sein jedes einzelnen Menschen eine fundamental inklusive Weltbeziehung er\u00f6ffnet, k\u00f6nnen Gl\u00e4ubige ein \u201eh\u00f6rendes Herz\u201c (Hartmut Rosa) entwickeln und dies als welterschlie\u00dfende, beziehungser\u00f6ffnende Grundhaltung auch jenseits religi\u00f6ser Tiefengrammatik erfahrbar werden lassen. In dieser verst\u00e4ndigungsorientierten Haltung kann dann auch Politik wieder als heuristisches Instrument in den Blick kommen, das dabei hilft Sprachlosigkeit zu \u00fcberwinden indem die Sorgen der Menschen ernst genommen werden ohne zugleich einer pauschalisierenden Angstrhetorik das Wort zu reden. In diesem Sinne ersch\u00f6pft sich dann aber auch das Votum f\u00fcr Demokratie nicht beim Kreuzsetzen auf dem Wahlzettel, sondern fordert von uns als B\u00fcrgerinnen aktive Mitgestaltung.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/03\/bernardo-lorena-ponte-sTowaTudtQU-unsplash-683x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1554\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/03\/bernardo-lorena-ponte-sTowaTudtQU-unsplash-683x1024.jpg 683w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/03\/bernardo-lorena-ponte-sTowaTudtQU-unsplash-200x300.jpg 200w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/03\/bernardo-lorena-ponte-sTowaTudtQU-unsplash-768x1152.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/03\/bernardo-lorena-ponte-sTowaTudtQU-unsplash-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/03\/bernardo-lorena-ponte-sTowaTudtQU-unsplash-1365x2048.jpg 1365w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/03\/bernardo-lorena-ponte-sTowaTudtQU-unsplash-scaled.jpg 1707w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color has-link-color wp-elements-235d31042c8812df9ee92fe3a4f958dc\"><em>Dr. Anne Weber ist gegenw\u00e4rtig wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsinstitut Philosophie Hannover, langj\u00e4hriges ZeKK-Mitglied und Lehrbeauftragte der TU Dortmund und des Lehrstuhls f\u00fcr Christliche Gesellschaftslehre an der Theologischen Fakult\u00e4t Paderborn. Sie promoviert zugleich mit einer Arbeit zur Aktualisierung des Subsidiarit\u00e4tgedankens in der Christlichen Sozialethik.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trotz ihrer nicht immer glamour\u00f6sen, von Einseitigkeiten, blinden Flecken und partikularen Machtinteressen flankierten Geschichte, bringen Demokratien die in der Zivilgesellschaft thematisierten, diskursiv ausgehandelten und parteipolitisch repr\u00e4sentierten Interessen von Einzelpersonen in allen relevanten parlamentarischen Entscheidungen zur Geltung. 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