{"id":1496,"date":"2023-12-31T02:37:44","date_gmt":"2023-12-31T01:37:44","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=1496"},"modified":"2023-12-31T02:37:44","modified_gmt":"2023-12-31T01:37:44","slug":"ueber-die-macht-von-begriffswoertern-und-definitionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2023\/12\/31\/ueber-die-macht-von-begriffswoertern-und-definitionen\/","title":{"rendered":"\u00dcber die Macht von Begriffsw\u00f6rtern und -Definitionen"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1496 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1496')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1496').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Dennoch sind \u00dcberlegungen \u00fcber Begriffsw\u00f6rter und Begriffsdefinitionen sehr wichtig, weil Begriffe (ob wir uns \u00fcber ihren Gebrauch Gedanken machen oder nicht) eine ungeheure Macht auf unser Leben aus\u00fcben.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine gewisse \u00f6ffentliche Uneinigkeit scheint \u00fcber den Referentenentwurf des Justizministers, den Paragraphen 46 des Strafgesetzbuchs zu bekr\u00e4ftigen und erg\u00e4nzen, zu herrschen. Der Paragraph besagt, dass eine Tat schwerer wiegen kann, wenn der T\u00e4ter aus menschenverachtenden Motiven handelt \u2013 als Beispiele werden antisemitische und rassistische Gr\u00fcnde benannt. Die Vorgabe soll dadurch bekr\u00e4ftigt werden, dass man neben diesen Motiven auch Frauenfeindlichkeit und Verachtung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts und sexueller Orientierung benennt. Da der Paragraph menschenverachtende Motive nennt, ist die Meinung vieler, die Benennung der Verachtung aufgrund des Geschlechts und der sexuellen Orientierung sei \u00fcberfl\u00fcssig da sie implizit mitgedacht werde. Ein Beitrag in der S\u00fcddeutschen Zeitung vom 19.07.2022 von Karoline Meta Beisel spiegelt diese Meinung wider. Meta Beisel schreibt: \u201eDie avisierte \u00c4nderung im Rechtstext \u00e4ndert nichts an der juristischen Lage. Umfasst sind eine Vielzahl denkbarer Motive, ohne dass im Gesetz jedes davon ausdr\u00fccklich genannt werden m\u00fcsste\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist also die Benennung einer Kategorie von menschenverachtenden Taten, n\u00e4mlich Frauenfeindlichkeit, \u00fcberfl\u00fcssig? Geht es hier um blo\u00dfe W\u00f6rter, die der Sache nichts hinzuf\u00fcgen? Nicht ganz. Die explizite Erfassung und Benennung einer Kategorie ist wichtig, um die Ungerechtigkeit effektiver zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die englische Philosophin Miranda Fricker spricht diesbez\u00fcglich (<em>Epistemic Injustice<\/em>, Oxford 2007\/<em>Epistemische Ungerechtigkeit<\/em>, Beck 2023) \u00fcber hermeneutische L\u00fccken (das Fehlen im kollektiven Verst\u00e4ndnis von Kategorien und W\u00f6rtern, um bestimmte Ph\u00e4nomene\/Diskriminierungsf\u00e4lle zu erfassen) und ihre soziale Bedeutung. Einige F\u00e4lle von Diskriminierung werden nicht bek\u00e4mpft, weil es in einer Kultur keine Kategorien (Begriffe) und keine W\u00f6rter f\u00fcr sie gibt \u2013 Menschen und ganze Gesellschaften haben \u00fcber Zeiten hinaus einen Typ Gewalttat nicht als solchen identifizieren und bek\u00e4mpfen k\u00f6nnen, weil sie daf\u00fcr keine Kategorie und entsprechende explizite Thematisierung und Erfassung hatten. Das spezifische Ph\u00e4nomen der Frauenverachtung als besonders schwerwiegendes Motiv f\u00fcr die Gewalt gegen Frauen ist erst in den letzten Jahrzehnten dank seiner Thematisierung in verschiedenen kulturellen Kontexten (in journalistischen, juristischen, geschichtlichen, k\u00fcnstlerischen und literarischen Werken) intensiver ins Bewusstsein getreten. Die Benennung und gesetzliche explizite Erfassung erm\u00f6glichen, dieses Bewusstsein zu fixieren und wach zu halten. Mit dem Wort, der Kategorie und der expliziten Benennung und legalen Erfassung haben wir die M\u00f6glichkeit, ein Bewusstsein \u00fcber das Problem zu haben und gegen die Ungerechtigkeit zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich im Fall der Diskussion \u00fcber die Frage: Wie viele Geschlechter gibt es? in einem Aufsatz von Uwe Steinoff und Aglaja Stirn vom 20.07.2022 in der FAZ. Die Autorinnen wenden sich nicht, wie Meta Beisel, gegen die explizite Benennung eines Ph\u00e4nomens im Gesetzbuch (aufgrund der Annahme, dass das Ph\u00e4nomen ohnehin implizit im Gesetzestext mitgedacht wird), sondern gegen die \u201eUmdefinition\u201c von Begriffen wie die Zweigeschlechtlichkeit durch \u201edie Leugner der Zweigeschlechtlichkeit\u201c. Auch hier ist das, was die Autorinnen sagen, relevant, um die Frage nach der Natur der Begriffe, ihrer Erfassung und Definition und der Macht, die diese Begriffsw\u00f6rter und -Definitionen auf unser Leben aus\u00fcben, vor Augen zu f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>In ihrem Aufsatz vom 20.07.2022 nehmen Steinoff und Stirn Stellung zur Ausladung der Biologin Marie-Luise Vollbrecht aus der \u201eLangen Nacht der Wissenschaft\u201c. Sie betonen, dass \u201eFrau Vollbrecht und unsere Autorengruppe aus einer klaren Definition von Geschlecht (bezugnehmend auf Arten anisogametischer Keimzellen)\u201c und der Tatsache, dass es nur zwei solcher Arten, n\u00e4mlich Spermien und Eizellen, gibt, \u201elogisch g\u00fcltig die Zweigeschlechtlichkeit ableiten, wobei Transsexualit\u00e4t und Intersexualit\u00e4t keineswegs geleugnet, sondern als Erscheinungen innerhalb dieser Zweigeschlechtlichkeit anerkannt werden\u201c. Von der technisch delikaten Frage nach der logischen G\u00fcltigkeit eines Argumentes, wie das vorgezeigte, das induktiv ist (es geht um ein nicht notwendiges Argument, bei dem das Hinzuf\u00fcgen neuer Pr\u00e4missen die Konklusion \u00e4ndern kann) abgesehen, ist der Kern der Argumentation von Steinoff und Stirn, dass anzunehmen, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, mit dem Versuch \u00fcbereinstimmt, Begriffe willk\u00fcrlich umzudefinieren, als ob man \u201edas Wort Klimawandel f\u00fcr das Aussterben von Dinosauriern verwenden w\u00fcrde\u201c. Ohne auf die hoch problematische Analogie: Leugner des Klimawandels = Leugner der Zweigeschlechtlichkeit im Detail einzugehen, m\u00f6chte ich auf einen Punkt aufmerksam machen: Die Autorinnen erkennen durchaus Dritten innerhalb der Dualit\u00e4t der Geschlechter an, dennoch \u00fcbersehen sie das grundlegende Problem, das darin besteht, nach der ontologischen Verfassung dieser Dritten, nach ihrer Benennung, Definition und gesetzlichen Anerkennung zu fragen \u2013 sie \u00fcbersehen, den Einfluss der Existenz von Dritten als Infragestellung der Annahme der Zweigeschlechtlichkeit ernsthaft zu ber\u00fccksichtigen. Ohne eine Benennung und Erfassung haben wir nicht die Mittel, die Ungerechtigkeit zu bek\u00e4mpfen und somit eine echte, nicht nur nominale Anerkennung zu erlangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Steinoff und Stirn schlie\u00dfen den Aufsatz mit der Kritik, dass \u201edie Leugner der Zweigeschlechtlichkeit\u201c nicht wissenschaftlich verfahren und versuchen \u201eBegriffe umzudefinieren oder zu verwischen, um politische oder psychische Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen\u201c \u2013 aber hier geht es nicht um Verwischen oder willk\u00fcrlich Definieren, sondern vielmehr um den Versuch, der f\u00fcr die Grundlagen einer jeden Wissenschaft von vitaler Notwendigkeit ist, eine hermeneutische L\u00fccke zu f\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"959\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2023\/12\/blindfolded-2025473_1280-959x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1497\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2023\/12\/blindfolded-2025473_1280-959x1024.png 959w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2023\/12\/blindfolded-2025473_1280-281x300.png 281w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2023\/12\/blindfolded-2025473_1280-768x820.png 768w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2023\/12\/blindfolded-2025473_1280.png 1199w\" sizes=\"auto, (max-width: 959px) 100vw, 959px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color has-link-color wp-elements-c1a5b47a69d864c96b70bf37d7353dd5\">Dr. Elena Ficara ist akademische Oberr\u00e4tin im Bereich Philosophie und Bildung am Institut der Humanwissenschaften der Universit\u00e4t Paderborn.<\/p>\n\n\n\n<p>#Begriffe #Ungerechtigkeit #Fricker<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der \u00f6ffentlichen Debatte geht es h\u00e4ufig um Streitigkeiten \u00fcber W\u00f6rter. 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