{"id":1433,"date":"2023-10-20T14:40:55","date_gmt":"2023-10-20T12:40:55","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=1433"},"modified":"2023-10-20T14:41:44","modified_gmt":"2023-10-20T12:41:44","slug":"sterben-wollen-leben-muessen-sterben-duerfen1-gedanken-zur-debatte-um-den-assistierten-suizid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2023\/10\/20\/sterben-wollen-leben-muessen-sterben-duerfen1-gedanken-zur-debatte-um-den-assistierten-suizid\/","title":{"rendered":"Sterben wollen \u2013 Leben m\u00fcssen \u2013 Sterben d\u00fcrfen?[1] \u2013 Gedanken zur Debatte um den assistierten Suizid"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1433 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1433')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1433').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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November begangen, verr\u00e4t bereits der Name, worum es sich dabei handelt: Die katholische Kirche gedenkt an ihm aller Heiligen, also den bekannten wie auch unbekannten Personen, die ihren Glauben (im Verborgenen) gelebt, verteidigt und die die christliche Botschaft verk\u00fcndet haben. Dazu geh\u00f6ren auch jene, die nicht offiziell in den Kreis der Heiligen aufgenommen wurden.<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a> An Allerheiligen schlie\u00dft j\u00e4hrlich am 2. November ein zweiter Totengedenktag an, das Fest zu Ehren aller Verstorbenen: Allerseelen. Beide Feste haben ihren Ursprung im Glauben bzw. der \u00dcberzeugung, dass durch Jesu Sterben und Auferstehung als Erstlingsgabe auch der eigene Tod nicht das Ende, sondern der Anfang des ewigen Lebens ist.<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>In der Besinnung auf diese Tage, mit dem Gedenken an die bereits Verstorbenen r\u00fccken auch die nach wie vor tabuisierten Themen von Tod und Sterben in den Vordergrund. Gedanken um den eigenen Tod und das Sterben lassen Erinnerungen an die j\u00fcngeren und j\u00fcngsten Debatten im Deutschen Bundestag zu den Regelungen am Lebensende wach werden: Am 26. Februar 2020 sprach das Bundesverfassungsgericht in einem Urteil zum Verbot der gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfigen Beihilfe zum Suizid (BVerfGE 153, 182) mit sofortiger Wirkung jedem Menschen das Recht auf selbstbestimmtes Sterben ohne Bedingungen zu. Zugleich wurde der Reformbedarf bekannt gegeben: \u201eDer Staat sei verpflichtet, f\u00fcr die rechtlichen Rahmenbedingungen zur Durchsetzung dieses Anspruchs zu sorgen.\u201c<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Dieses Jahr wurde im Bundestag dar\u00fcber \u2013 teils heftig \u2013 debattiert und noch vor der Sommerpause dann zwei Vorschl\u00e4ge eingereicht, die am 6. Juli zur Abstimmung gestellt wurden. Die beiden Abgeordneten der SPD und CDU, Lars Castellucci und Ansgar Heveling, schlugen eine Regelung \u00e4hnlich dem Schwangerschaftsabbruch vor, n\u00e4mlich Sterbehilfe grunds\u00e4tzlich unter Strafe zu stellen und diese nur in Ausnahmef\u00e4llen zu erlauben. Der zweite Vorschlag um die Gr\u00fcnen-Abgeordnete Renate K\u00fcnast und die FDP-Abgeordnete Katrin Helling-Plahr war liberaler: Sterbewilligen solle der Zugang zu t\u00f6dlichen Medikamenten erm\u00f6glicht werden, nachdem sie eine (ergebnisoffene) Beratung durch eine anerkannte Beratungsstelle in Anspruch genommen haben. Letztlich sind beide Vorschl\u00e4ge im Bundestag gescheitert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass auch drei Jahre nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts noch kein Gesetz zum assistierten Suizid verabschiedet worden ist, zeigt neben den Debatten im Bundestag an, wie kontrovers das Thema diskutiert wird und wie stark professionelle Haltung mit pers\u00f6nlicher Einstellung verkn\u00fcpft ist. Im Kern geht es um eine Auseinandersetzung, in der das zugrunde liegende Menschenbild eine zentrale Rolle spielt: Verstehe ich (verk\u00fcrzt und vereinfacht gesagt) den Menschen entsprechend dem Menschenbild der Moderne ausschlie\u00dflich als autonomes Subjekt, das selbstbestimmt auch \u00fcber seinen Tod verf\u00fcgen kann, oder sehe ich ihn dem christlichen Verst\u00e4ndnis entsprechend als Beziehungswesen \u2013 auch in seiner transzendenten Dimension. Mit letzterem verbindet sich ein Gottesbild, das Gott als Sch\u00f6pfergott versteht (vgl. u.a. Gen&nbsp;1; 2), der den Menschen als Imago Dei, als Bild Gottes, geschaffen hat (vgl. Gen&nbsp;1,26f.) und f\u00fcr diesen sorgt (vgl. Gen&nbsp;1,29). Haucht Gott dem Menschen in Gen&nbsp;2,7 Lebensatem ein, so wird \u00fcberdies der Geschenkcharakter des Lebens deutlich. Als Geschenk Gottes an den Menschen, zu dem Gott in Beziehung tritt, gilt es das Leben zu sch\u00fctzen und zu wahren.<a href=\"#_ftn5\" id=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Als Beziehungswesen ist der Mensch zudem angewiesen auf seine Mitmenschen (vgl. Gen&nbsp;2,21-23).<\/p>\n\n\n\n<p>Darin, den Mitmenschen mitzudenken, liegt eine St\u00e4rke dieses Menschenbildes in der Diskussion um den assistierten Suizid. Denn \u00fcber die Frage der Selbstt\u00f6tung hinaus liegt eine Problematik m.E. auch darin, diejenigen nicht zu vergessen, denen die Suizidassistenz zugemutet wird: Wie k\u00f6nnen Pflegekr\u00e4fte und Angeh\u00f6rige damit in ihrem Leben zurechtkommen? Mascha Kal\u00e9ko verdichtet in Memento<a href=\"#_ftn6\" id=\"_ftnref6\">[6]<\/a>: Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,\/ Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.\/ Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind? [\u2026] Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,\/ Doch mit dem Tod der andern mu\u00df man leben. Und, so ist in diesem Sinne hinzuzuf\u00fcgen: mit dem Tod derer, denen ich Beihilfe geleistet habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter Ber\u00fccksichtigung dessen w\u00e4re anzufragen, ob das Menschenbild der Moderne den Menschen nicht zu sehr darauf reduziert, ein autonomes Subjekt zu sein&#8230; So oder so tritt ein m.E. zentraler Aspekt in der Debatte noch zu wenig in den Fokus: die Suizid-Pr\u00e4vention. Im oben genannten Vorschlag von K\u00fcnast und Helling-Plahr wird die ergebnisoffene Beratung vorgeschlagen, die jedoch erst an dem Punkt einsetzt, wenn ein Suizidvorhaben bereits (fix) besteht. Pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahmen werden nicht in den Blick genommen; z.B. Sozialstationen mit ihren Hilfswerken ebenso zu st\u00e4rken wie die zumeist auf Spenden angewiesenen Hospize und Hospizdienste, die palliativen Hilfen, die Trauerarbeit u.a., um st\u00e4rker vorbeugend t\u00e4tig werden zu k\u00f6nnen. Zu diesem Schluss kommt auch die \u00c4rztekammer Hamburg, die \u201ebei beiden Vorschl\u00e4gen ausreichende Ma\u00dfnahmen zur Suizid-Pr\u00e4vention [vermisst]. \u201aSowohl der restriktive Ansatz der Gruppe um die Abgeordneten Castellucci und Heveling als auch der offenere Vorschlag von K\u00fcnast und Helling-Plahr \u00e4u\u00dfern sich nur unzureichend zur Suizidpr\u00e4vention. Das ist umso schwerwiegender, wenn man bedenkt, dass die \u00fcberwiegende Mehrzahl der Suizide hierzulande Folge einer psychischen Erkrankung, etwa einer Depression, sind. Fl\u00e4chendeckende und gut erreichbare Pr\u00e4ventionsangebote m\u00fcssten daher eigentlich vor einer Neuregelung der Sterbehilfe aufgebaut werden, mindestens aber parallel dazu.\u2018\u201c<a id=\"_ftnref7\" href=\"#_ftn7\">[7]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Titel und Thema der Veranstaltung des Instituts f\u00fcr Kirche und Gesellschaft an der Evangelischen Akademie Villigst am 20.-21. Oktober 2023.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> Art. Allerheiligen; verf\u00fcgbar unter: <a href=\"https:\/\/www.vivat.de\/magazin\/jahreskreis\/weitere-gedenk-und-feiertage\/allerheiligen-bedeutung\/\">https:\/\/www.vivat.de\/magazin\/jahreskreis\/weitere-gedenk-und-feiertage\/allerheiligen-bedeutung\/<\/a> [Stand: 10.10.23].<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> Art. Allerseelen; verf\u00fcgbar unter: <a href=\"https:\/\/www.vivat.de\/magazin\/jahreskreis\/weitere-gedenk-und-feiertage\/allerseelen-bedeutung\/\">https:\/\/www.vivat.de\/magazin\/jahreskreis\/weitere-gedenk-und-feiertage\/allerseelen-bedeutung\/<\/a> [Stand: 10.10.23].<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\" id=\"_ftn4\">[4]<\/a> Bundesverfassungsgericht, 2 BvR 828\/21, Abs. 4; verf\u00fcgbar unter: <a href=\"https:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/SharedDocs\/Entscheidungen\/DE\/2021\/11\/rk20211103_2bvr082821.html\">https:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/SharedDocs\/Entscheidungen\/DE\/2021\/11\/rk20211103_2bvr082821.html<\/a> [Stand: 14.10.23].<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\" id=\"_ftn5\">[5]<\/a> Dementsprechend positioniert sich der Fuldaer Bischof Michael Gerber: &#8222;Der assistierte Suizid ist f\u00fcr uns auf der Basis unseres Gottes- und Menschenbildes keine Option&#8220;, verf\u00fcgbar unter: <a href=\"https:\/\/katholisch.de\/artikel\/45910-suizidbeihilfe-debatte-bischof-baetzing-fordert-neues-schutzkonzept\">https:\/\/katholisch.de\/artikel\/45910-suizidbeihilfe-debatte-bischof-baetzing-fordert-neues-schutzkonzept<\/a> [Stand: 10.10.23].<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn6\" href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Mascha Kal\u00e9ko, Verse f\u00fcr Zeitgenossen, M\u00fcnchen <sup>4<\/sup>2017, 12.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn7\" href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> Bundes\u00e4rztekammer, Assistierter Suizid: Pr\u00e4vention sollte im Vordergrund stehen (Hamburg, 6.7.23), verf\u00fcgbar unter:<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.bundesaerztekammer.de\/presse\/aktuelles\/detail\/assistierter-suizid-praevention-sollte-im-vordergrund-stehen\">https:\/\/www.bundesaerztekammer.de\/presse\/aktuelles\/detail\/assistierter-suizid-praevention-sollte-im-vordergrund-stehen<\/a> [Stand: 10.10.23].<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"578\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2023\/10\/woman-1006100_1280-1024x578.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1434\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2023\/10\/woman-1006100_1280-1024x578.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2023\/10\/woman-1006100_1280-300x169.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2023\/10\/woman-1006100_1280-768x433.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2023\/10\/woman-1006100_1280-500x282.jpg 500w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2023\/10\/woman-1006100_1280.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Bild von Pixabay<\/p>\n\n\n\n<p>#Assistierter Suizid #Menschenbild #Suizidpr\u00e4vention<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color\">Dr. Saskia Breuer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Katholischen Institut der Universit\u00e4t Paderborn im Bereich Biblische Theologie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir n\u00e4hern uns mit gro\u00dfen Schritten dem Feiertag und r\u00f6m.-kath. 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