{"id":1399,"date":"2023-09-22T14:22:06","date_gmt":"2023-09-22T12:22:06","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=1399"},"modified":"2023-10-20T14:42:12","modified_gmt":"2023-10-20T12:42:12","slug":"heute-arbeiten-um-spaeter-zu-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2023\/09\/22\/heute-arbeiten-um-spaeter-zu-leben\/","title":{"rendered":"Heute arbeiten, um sp\u00e4ter zu leben"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1399 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1399')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1399').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Wir brauchen dringend ein Denkmal, habe ich doch schon immer gesagt!\u201c Ich ahne schon, dass sie das Buch&nbsp;<em>Kartonwand<\/em>&nbsp;von Fatih \u00c7evikkollu gelesen hat. Ich vermute, dass es wieder einmal ein l\u00e4ngeres Gespr\u00e4ch mit ihr werden wird. Fatih \u00c7evikollu thematisiert in seinem j\u00fcngst erschienenen Buch das Trauma der Arbeitsmigration nach Deutschland am Beispiel seiner eigenen Familie. Wie viele Gastarbeiter haben seine Eltern den Traum, hier so viel zu verdienen, dass sie sich in der T\u00fcrkei eine Existenz aufbauen k\u00f6nnen. Den Traum symbolisiert die Kartonwand: T\u00fcrkeist\u00e4mmige Menschen der ersten Generation hatten zu Hause eine Wand mit Kartons, in der sie die Eink\u00e4ufe, die man mit in die T\u00fcrkei nehmen wollte, aufbewahrten: Elektroger\u00e4te, Besteck, Gl\u00e4ser, Bettw\u00e4sche und vieles mehr. Alles neu gekauft und noch originalverpackt. Die Wohnung in der T\u00fcrkei sollte sch\u00f6n sein, fast luxuri\u00f6s. Die sch\u00f6nen Dinge im Karton gelagert f\u00fcr den Traum von der R\u00fcckkehr. Der triste Alltag hingegen bestand nur aus Arbeiten und Funktionieren. Von dieser Pragmatik waren auch die Wohnungen gepr\u00e4gt. Schmucklose, geschenkte M\u00f6belst\u00fccke, ohne jegliche \u00c4sthetik zusammengestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kartonwand symbolisierte f\u00fcr viele Gastarbeiter all die Hoffnungen, Sehns\u00fcchte, Tr\u00e4ume und W\u00fcnsche, ein St\u00fcck Paradies auf der Heimaterde. F\u00fcr ihr Paradies mussten sie sich in Geduld \u00fcben: Fern von der Herkunftsfamilie und allein in der Fremde sein. Als Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Rassismus erfahren. In kleinen Wohnungen leben, damit sie bezahlbar bleiben. \u201aKofferkinder\u2018 wurden ihre Kinder genannt, die in die T\u00fcrkei zu den Verwandten zum Teil schon im S\u00e4uglingsalter geschickt wurden, damit die M\u00fctter auch arbeiten k\u00f6nnen. Dass die Trennung eine psychische Belastung f\u00fcr Mutter und Kind sein kann, stand nicht auf der Tagesordnung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schicksal seiner Familie hat mich sehr ber\u00fchrt und nachdenklich dar\u00fcber gemacht, inwieweit diese Familientrag\u00f6die auch exemplarisch f\u00fcr viele nach Deutschland eingewanderte Familien ist? Das Buch weist darauf hin, dass die Generation der Gastarbeiter nie eine Anerkennung f\u00fcr ihre Leistungen erhalten hat. Die sch\u00f6nsten Jahre ihres Lebens hat sie damit verbracht, Deutschland aufzubauen und in die Sozialkassen einzuzahlen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Migration bedeutet immer Stress, sagt der Migrationsforscher Aladin El-Mafaalani. Beim Lesen des Buches wurde mir bewusst, dass \u00c7evikkollu auf eine l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige Debatte ansto\u00dfen kann. Zum einen ist es die Geschichte von der Gro\u00dfelterngeneration vieler muslimischer Kinder und Jugendlicher. Zum anderen haben wir durch die aktuelle Migration der letzten zehn Jahre sicherlich auch j\u00fcngere Familien, die unter \u00e4hnlichen Bedingungen leben oder ein Leben in ihrem Herkunftsland ertr\u00e4umen. Es ist schon l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig, migrationsspezifische Themen in den schulischen Unterricht, auch in den Religionsunterricht aufzunehmen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Um zur\u00fcck zu meinem Gespr\u00e4ch vom Anfang zu kommen: Meine Stadt plant tats\u00e4chlich, den Gastarbeitern ein Denkmal zu setzen. Das kann der Anfang der W\u00fcrdigung ihrer Leistungen f\u00fcr unser Land sein.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2023\/09\/foto-blokk-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1400\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2023\/09\/foto-blokk-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2023\/09\/foto-blokk-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2023\/09\/foto-blokk-768x576.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2023\/09\/foto-blokk-400x300.jpg 400w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2023\/09\/foto-blokk.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Bild von Pixabay.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>#Kartonwand #Gastarbeiter #Migration #Kofferkinder<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color\">Naciye Kamcili-Yildiz ist Juniorprofessorin f\u00fcr Islamische Religionsp\u00e4dagogik und ihre Fachdidaktik am Paderborner Institut f\u00fcr Islamische Theologie der gleichnamigen Universit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Telefon klingelt. 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