{"id":1051,"date":"2022-07-15T08:18:25","date_gmt":"2022-07-15T06:18:25","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=1051"},"modified":"2022-07-15T08:18:25","modified_gmt":"2022-07-15T06:18:25","slug":"in-stein-gemeisselter-antisemitismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2022\/07\/15\/in-stein-gemeisselter-antisemitismus\/","title":{"rendered":"<strong>In Stein gemei\u00dfelter Antisemitismus<\/strong>"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1051 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1051')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1051').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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In dem Urteil hei\u00dft es, sie sei&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/justiz\/judensau-an-wittenberger-stadtkirche-muss-nicht-entfernt-werden-urteil-bundesgerichtshof-a-af6bbe79-5637-40dc-bac1-8074f19e2146\">\u201ezwar beleidigend, doch die Gemeinde habe sich ausreichend distanziert.\u201c<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Aber geht das \u00fcberhaupt? Ausreichende Distanzierung von einem in Stein gemei\u00dfelten Relief aus dem 13. Jahrhundert, das bis heute Menschen j\u00fcdischen Glaubens beleidigt, sie als \u201eSaujuden\u201c darstellt und bisher nur mit einer leicht zu \u00fcbersehenden, theologisch \u00fcberholten Gedenkplatte aus den 1980er Jahren sowie einer nebenstehenden Infotafel versehen ist? Und das ausgerechnet an der Kirche, die als Wiege der Reformation gilt, wo auch Martin Luther predigte? Im Jahr 2022 kommt hier noch immer der Antisemitismus zum Ausdruck, den auch Luther in Schriften wie \u201eVon den Juden und ihren L\u00fcgen\u201c oder \u201eVom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi\u201c, die direkt Bezug auf die Skulptur nimmt, verbreitete. Der Judenhass war jahrhundertelang Teil der lutherischen Verk\u00fcndigung, sodass sich auch die evangelische Kirche \u201ean der physischen Ausl\u00f6schung des j\u00fcdischen Volkes schuldig gemacht\u201c (Rheinischer Synodalbeschluss von 1980) hat, weshalb etwa Andreas Pangritz in Luther einen \u201eKronzeugen des Antisemitismus\u201c sieht.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.eaberlin.de\/nachlese\/dokumentationen\/2020-04-epd-in-stein-gemeisselt\/2020-04-epd-in-stein-gemeisselt.pdf\">Hochrangige Protestant*innen hatten sich schon l\u00e4nger f\u00fcr eine Abnahme der \u201eJudensau\u201c ausgesprochen, darunter die ehemalige Pr\u00e4ses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Irmgard Schwaetzer, und Friedrich Kramer, Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, der feststellte: \u201eEine Beleidigung bleibt eine Beleidigung, ob man sie kommentiert oder nicht.\u201c<\/a>&nbsp;In Wittenberg, wo die dunkle Seite des Reformators nicht unbedingt das Lieblingsthema darstellt, ist auch die Diskussion um das Relief vielen ein Dorn im Auge. Die evangelische Stadtkirchengemeinde in Wittenberg argumentiert, die \u201eJudensau\u201c m\u00fcsse bleiben, denn sie sei \u201eein Stachel im Fleisch der christlichen Geschichte. Sie halte die Erinnerung an den mittelalterlichen Antijudaismus aufrecht. [\u2026] Man sei kein Freund der Cancel Culture.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der Rechtspopulismus hat das Thema l\u00e4ngst f\u00fcr sich vereinnahmt. Die AfD Wittenberg erreicht viele Einheimische mit dem Vorwurf, \u201eWeltversteher\u201c w\u00fcrden von au\u00dfen in die Lutherstadt kommen, um ihnen zu sagen, was sie zu tun h\u00e4tten; dabei sei das Relief gar nicht mehr das Problem, da der heutige Antisemitismus doch von den Muslimen ausgehe \u2013 eine Behauptung, die angesichts der Tatsache, dass 9 von 10 antisemitischen Straftaten in Deutschland einen rechten bzw. rechtsextremistischen Hintergrund haben, nat\u00fcrlich wenig haltbar ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Niklas Ottenbach vom Deutschlandfunk hat die Art und Weise, wie die Debatte gef\u00fchrt wird und vor allem die Gemeinde argumentiert, scharf kritisiert:&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/judensau-schmaehplastik-wittenberg-bundesgerichtshof-100.html\">\u201eDas kann man so sehen, wenn es einem nur um sich selbst geht. Im Grunde genommen ist das Belassen der \u201eJudensau\u201c an der Wittenberger Stadtkirchenfassade eine sehr selbstbezogene Geschichtsbetrachtung, die zwar die eigenen Untaten thematisiert wissen will, aber die Wirkung auf die, die damit beleidigten werden, ausblendet.\u201c<\/a>&nbsp;Nach derselben Argumentation h\u00e4tte man, so Ottenbach weiter, ja auch Adolf-Hitler-Pl\u00e4tze nach dem Krieg nicht umbenennen m\u00fcssen \u2013 aber so funktioniere es nicht: \u201eGeschichte entwickelt sich weiter, deshalb darf sich auch das Stadtbild weiterentwickeln.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und tats\u00e4chlich:\u00a0Geschichte und Erinnerung sind lebendig und entwickeln sich stets weiter. Erinnerung an\u00a0das Vergangene ist somit notwendig, um die Zukunft zu einem besseren und gerechteren Ort f\u00fcr alle zu gestalten. Das erinnerungspolitische Erinnern und Gedenken w\u00fcrdigt die Perspektive der Personen, die diskriminiert, ausgegrenzt, verfolgt und ermordet wurden \u2013 kurzum: derer, die es konkret beleidigend betrifft. Ausgerechnet diese Perspektive ist jedoch in der Diskussion in Wittenberg nur unzureichend ber\u00fccksichtigt worden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2022\/07\/wittenberg-g2d794240a_1920-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1052\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2022\/07\/wittenberg-g2d794240a_1920-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2022\/07\/wittenberg-g2d794240a_1920-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2022\/07\/wittenberg-g2d794240a_1920-768x576.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2022\/07\/wittenberg-g2d794240a_1920-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2022\/07\/wittenberg-g2d794240a_1920-400x300.jpg 400w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2022\/07\/wittenberg-g2d794240a_1920.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color\">Stephanie Lerke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut f\u00fcr Evangelische Theologie der Technischen Universit\u00e4t Dortmund und Lehrbeauftragte am Institut f\u00fcr Evangelische Theologie der Universit\u00e4t Paderborn, Jan Christian Pinsch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Evangelische Theologie der Universit\u00e4t Paderborn und Lehrbeauftragter am Institut f\u00fcr Evangelische Theologie und Religionsp\u00e4dagogik der Julius-Maximilians-Universit\u00e4t W\u00fcrzburg.<\/p>\n\n\n\n<p>#Antisemitismus #Erinnerungskultur #J\u00fcdisch-christlicher Dialog #Kunst #Wittenberg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u201eJudensau\u201c darf bleiben: Der Bundesgerichtshof hat im vergangenen Monat entschieden, dass die antij\u00fcdische Schm\u00e4hskulptur an der Stadtkirche Wittenberg nicht entfernt werden muss. 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