{"id":232,"date":"2018-06-11T15:03:54","date_gmt":"2018-06-11T13:03:54","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zeitgeschichte\/?p=232"},"modified":"2018-06-11T15:03:54","modified_gmt":"2018-06-11T13:03:54","slug":"wir-muessen-die-ozeane-retten-wenn-wir-uns-selbst-retten-wollen-gedanken-zum-internationalen-tag-der-meere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zeitgeschichte\/2018\/06\/11\/wir-muessen-die-ozeane-retten-wenn-wir-uns-selbst-retten-wollen-gedanken-zum-internationalen-tag-der-meere\/","title":{"rendered":"&#8222;Wir m\u00fcssen die Ozeane retten, wenn wir uns selbst retten wollen.&#8220; &#8211; Gedanken zum Internationalen Tag der Meere"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_232 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_232')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_232').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Juni war Internationaler Tag der Meere. Dazu einige Gedanken von Johanna Sackel:<br \/>\nUm den Zustand der Meere, die immerhin 70 % der Erdoberfl\u00e4che bedecken, ist es nicht gut bestellt. Das h\u00f6rt und sieht man dieser Tage immer \u00f6fter. Sowohl in den t\u00e4glichen Nachrichten als auch in Fernsehdokumentationen ist die Thematik pr\u00e4sent. Von Plastikm\u00fcll-Strudeln im Pazifik ist die Rede, von T\u00fcten in Walm\u00e4gen und Mikroplastik in der Nahrungskette. Das Great Barrier Reef stirbt, an den K\u00fcsten entstehen durch Schadstoffeintrag regelrechte Totzonen, und wo man im 19. Jahrhundert den Kabeljau mit K\u00f6rben aus dem Meer sch\u00f6pfen konnte, herrscht heute aus fischereiwirtschaftlicher Sicht Ebbe.<!--more--><br \/>\nDie zunehmende Berichterstattung deutet auf eine steigende ocean awareness in der Gesellschaft hin: z.B. bemerken immer mehr Menschen den Plastikm\u00fcll am Urlaubstrand oder greifen auf wiederverwertbare Kaffeebecher zur\u00fcck. Zugleich ist jedoch auf wirtschaftlicher Ebene ein Trend zu verzeichnen, der weiteren Druck auf die Meere aus\u00fcbt. Diese Entwicklung nahm nach dem Zweiten Weltkrieg an Fahrt auf, denn Fortschritte auf dem Gebiet der sog. Meerestechnik erm\u00f6glichten die Ausbeutung von nichtlebenden Ressourcen, wie z.B. von \u00d6l und Gas auf dem Festlandsockel oder mineralischen Ressourcen auf dem Tiefseeboden (ein bekanntes Beispiel hierf\u00fcr sind die kartoffelgro\u00dfen Manganknollen). Der Ozean war nun nicht mehr nur Handelsweg und Grundlage der Fischereiwirtschaft, sondern auch ein interessantes Ziel f\u00fcr die Bergbauindustrie und die Offshore-Technik.<br \/>\nDie Potenziale des maritimen Wirtschaftszweiges hat man mit dem wohlklingenden<br \/>\nNamen \u201eBlaues Wachstum\u201c versehen. Die EU-Kommission verfolgt bspw. seit 2012 das Ziel, \u201enachhaltige[s] Wachstum in allen marinen und maritimen Wirtschaftszweigen zu unterst\u00fctzen\u201c. Weiter hei\u00dft es: \u201eMeere und Ozeane sind Motoren f\u00fcr die europ\u00e4ische Wirtschaft und verf\u00fcgen \u00fcber ein gro\u00dfes Innovations- und Wachstumspotenzial.\u201c (https:\/\/ec.europa.eu\/maritimeaffairs\/policy\/).<br \/>\nUmweltschutzorganisationen und gr\u00fcne Parteien verstehen dies als einen Aufruf zur Pl\u00fcnderung der Meere. Dieser Vorwurf l\u00e4sst sich nicht von der Hand weisen. Denn der Begriff des Blauen Wachstums ist dem des \u201eGreen Growth\u201c entlehnt, der behauptet, Wachstum sei auch unter Ber\u00fccksichtigung \u00f6kologischer Belange m\u00f6glich. \u201eBlue Growth\u201c suggeriert einen \u00e4hnlichen Zusammenhang \u2013 wirtschaftliches Wachstum im Einklang mit der Meeresumwelt. Die Idee klingt gut, jedoch entpuppt sich das Emblem hier wie dort in der Praxis allzu h\u00e4ufig als blo\u00dfe Etikettierung. So werden z.B. innerhalb der EU seit Jahren wider besseren Wissens zu hohe Fischfangquoten festgelegt und die Fischereiindustrie subventioniert, obwohl deren \u00dcberkapazit\u00e4t Teil der \u00dcberfischungsproblematik ist, die besonders im Globalen S\u00fcden zum Teil gravierende Auswirkungen auf K\u00fcstenbev\u00f6lkerungen hat.<\/p>\n<p>Freilich reagiert die EU-Kommission, und zwar mit Pl\u00e4nen f\u00fcr eine integrierte Meerespolitik, bei der die einzelnen Bereiche des Meeresmanagements miteinander vernetzt werden. So soll auch das Blaue Wachstum sozial und \u00f6kologisch vertr\u00e4glich werden. Dabei gilt auf EU-Ebene wie auf globaler Ebene: Nur das, was gen\u00fcgend einzelne Staaten mitzutragen bereit sind, kann auch umgesetzt werden. Wie also kann eine Ocean Governance gelingen, die Mensch und Umwelt gleicherma\u00dfen<br \/>\ngerecht wird?<\/p>\n<p>Hierf\u00fcr gab es bereits Ende der 1960er Jahre, als die M\u00f6glichkeit eines Abbaus von<br \/>\nManganknollen am Meeresgrund in greifbare N\u00e4he ger\u00fcckt schien, eine Idee: Der Ozean als gemeinsames Erbe der Menschheit!<br \/>\nDer maltesische Botschafter Arvid Pardo hatte dieses Konzept im Hinblick auf die Tiefsee 1967 vor der Generalversammlung vorgeschlagen, denn er bef\u00fcrchtete u.a., dass ein Wettlauf auf die Ressourcen des Meeresbodens lediglich die reichen L\u00e4nder reicher machen und die \u00e4rmeren L\u00e4nder ohne entsprechende Technologien von den Gewinnen ausschlie\u00dfen w\u00fcrde. W\u00e4re der Meeresboden gemeinsames Erbe der Menschheit, hie\u00dfe dies, vereinfacht gesagt, dass die Ertr\u00e4ge gerecht unter allen Staaten verteilt werden m\u00fcssten. Auf der sich anschlie\u00dfenden Dritten UN-Seerechtskonferenz (1973-1982) sollte das Konzept vom gemeinsamen Erbe der Menschheit in V\u00f6lkerrecht gegossen werden.<br \/>\nUnterst\u00fctzt wurde dieses Anliegen von der Kosmopolitin Elisabeth Mann Borgese (in Deutschland ist sie den meisten bekannt als Medi, j\u00fcngste Tochter von Thomas Mann \u2013 sie war aber u.a. auch einziges weibliches Gr\u00fcndungsmitglied des Club of Rome und ist weltweit haupts\u00e4chlich wegen ihres seerechtlichen Engagements bekannt). Bereits seit den 1940er Jahren hatte sie zusammen mit Intellektuellen und Wissenschaftlern in den USA an einem Entwurf f\u00fcr eine \u201eWeltverfassung\u201c gearbeitet und sah nun im Ozean eine Art Laboratorium, das als Prototyp f\u00fcr eine neue Weltordnung dienen konnte.<br \/>\nDas Meer fordere dazu auf, neu zu denken, schreibt sie in \u201eThe Oceanic Circle\u201c (1998). Grundlegende Konzepte, die an Land seit Jahrhunderten gelten, wie Souver\u00e4nit\u00e4t, Eigentum und Grenzen, seien nicht auf das Meer \u00fcbertragbar, wo alles flie\u00dft und miteinander zusammenh\u00e4ngt. Die vielfachen Nutzungen der Meere st\u00fcnden in einer st\u00e4ndigen Wechselwirkung und m\u00fcssten deshalb global und integral behandelt werden. Deswegen schlug sie anl\u00e4sslich der Seerechtskonferenz ein neues \u201eOcean Regime\u201c vor, das alle mit den Meeren befassten Organisationen und Institutionen unter einem Dach versammeln sollte. Eine solch einheitliche Regelung f\u00fcr den Ozean w\u00fcrde zu einem gerechteren und nachhaltigerem Umgang mit den Meeren f\u00fchren, so ihre \u00dcberlegung. Und was f\u00fcr die Meere gel\u00e4nge, w\u00e4re fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auch auf andere Bereiche \u00fcbertragbar (von \u201ePacem in Maribus\u201c zu \u201ePacem in Terris\u201c).<br \/>\nMit der 1982 verabschiedeten Seerechtskonvention, die seit 1994 in Kraft ist, gibt es zwar ein Rahmenwerk f\u00fcr ein solches Regime. Das Konzept des gemeinsamen Erbes der Menschheit gilt allerdings nur f\u00fcr \u201edas Gebiet\u201c, also den Tiefseeboden au\u00dferhalb der nationalen Wirtschaftszonen.<br \/>\nManche werfen Mann Borgeses Idee vor, es handele sich lediglich um die Utopie einer aristokratischen Intellektuellen. Jedoch betrachtete sie die Meere nie abgekoppelt vom Menschen. Stets war ihr bewusst, dass der Ozean nicht nur Leben im \u00f6kologischen Sinne spendet, sondern auch eine soziale Komponente hat und der wirtschaftliche Sektor sowie die Bev\u00f6lkerungen vor Ort somit integraler Bestandteil eines Ozeanregimes sein m\u00fcssten.<br \/>\nSicherlich bekommen in diesem Jahr, in dem sie ihren 100. Geburtstag gefeiert h\u00e4tte, ihre Ideen verst\u00e4rkte Aufmerksamkeit. Eine Relekt\u00fcre kann sicher f\u00fcr die k\u00fcnftige Ausgestaltung der Ocean Governance und die Harmonisierung von \u201eBlauem Wachstum\u201c, Umwelt und Gesellschaft nicht schaden.<\/p>\n<p>Zum Weiterlesen:<br \/>\n&#8211; Mann Borgese, Elisabeth: Mit den Meeren leben. \u00dcber den Umgang mit den<br \/>\nOzeanen als globale Ressource, K\u00f6ln 1999.<br \/>\n&#8211; Themenheft \u201eMeere und Ozeane\u201c, Aus Politik und Zeitgeschichte 51-52 (2017),<br \/>\nvermittelt griffiges \u00dcberblickswissen und enth\u00e4lt u.a. einen Artikel zu Meeren in der<br \/>\nGeschichtsforschung: http:\/\/www.bpb.de\/apuz\/261365\/meere-und-ozeane<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 8. Juni war Internationaler Tag der Meere. Dazu einige Gedanken von Johanna Sackel: Um den Zustand der Meere, die immerhin 70 % der Erdoberfl\u00e4che bedecken, ist es nicht gut bestellt. 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