{"id":6,"date":"2026-08-10T10:49:52","date_gmt":"2026-08-10T08:49:52","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/the-glorious-revolution\/?p=6"},"modified":"2026-08-10T16:52:49","modified_gmt":"2026-08-10T14:52:49","slug":"ein-koenig-im-exil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/the-glorious-revolution\/2026\/08\/10\/ein-koenig-im-exil\/","title":{"rendered":"Ein K\u00f6nig im Exil"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_6 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_6')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_6').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Hatte er wenige Jahre zuvor noch als K\u00f6nig u\u0308ber England, Schottland und Irland regiert, lebte er nun fern seiner Heimat im franz\u00f6sischen Schloss Saint-Germain-en-Laye. Zwar hatte Ludwig XIV. seinem Verbu\u0308ndeten diese gro\u00dfzu\u0308gige Unterkunft und eine komfortable Pension gew\u00e4hrt, doch konnte selbst dieses pr\u00e4chtige Schloss nicht daru\u0308ber hinwegt\u00e4uschen, dass Jakob alles verloren hatte, seinen Thron, seine politische Macht und nach der gescheiterten Ru\u0308ckeroberung Irlands auch noch die Aussicht auf eine baldige Ru\u0308ckkehr. Dennoch verstand sich Jakob&nbsp;II. auch im Exil weiterhin als legitimer K\u00f6nig, dessen Krone ihm nicht durch eine Niederlage oder einen Parlamentsbeschluss genommen werden konnte. Aus dieser \u00dcberzeugung heraus entstand das Dokument: <em>For my Son the Prince of Wales<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das heute vom Royal Collection Trust aufbewahrte Manuskript umfasst 35 handgeschriebene Seiten und wirkt \u00e4u\u00dferlich u\u0308berraschend schlicht, da es weder von kunstvollen Verzierungen noch von pr\u00e4chtigen Illustrationen geschmu\u0308ckt ist. Kaum verwunderlich, war es doch nicht fu\u0308r die<br>\u00d6ffentlichkeit bestimmt, sondern fu\u0308r einen einzigen Leser: James Francis Edward Stuart, den jungen Sohn des gestu\u0308rzten K\u00f6nigs. Tragischerweise hatte dieser Hoffnungstr\u00e4ger der Dynastie die politische Krise des Jahres 1688 ohne eigenes Zutun entscheidend versch\u00e4rft und die Gegner Jakobs II. wurden nicht mu\u0308de, Geru\u0308chte u\u0308ber den Thronfolger zu verbreiten und dessen Legitimit\u00e4t infrage zu stellen, wie vor allem das Ausstellungsstu\u0308ck der <em><a href=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/the-glorious-revolution\/2026\/08\/10\/konfession-und-geschlecht-als-politisches-argument\/\"><mark style=\"background-color:#FFFFFF\" class=\"has-inline-color has-accent-3-color\">Polemik auf die Geburt des Thronfolgers<\/mark><\/a><\/em> illustriert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fu\u0308r Jakob II. standen jedoch weder seine eigene Legitimit\u00e4t noch die seines Sohnes infrage. So ist zumindest dieses Manuskript kein Versuch, die \u00d6ffentlichkeit von seiner Sache zu u\u0308berzeugen. Es ist vielmehr ein Verm\u00e4chtnis an seinen Sohn, das diesen anleiten soll, wie ein katholischer K\u00f6nig zu regieren. Es veranschaulicht auch, welche Pflichten er gegenu\u0308ber Gott und seinen Untertanen besitze, wie Minister auszuw\u00e4hlen seien, wie mit Schottland und Irland umzugehen sei und welche Fehler des Vaters er selbst niemals wiederholen sollte. Als die Tinte getrocknet war und Jakob die Feder niedergelegt hatte, war so letztendlich eine Mischung aus politischem Testament und pers\u00f6nlicher Lebensbeichte entstanden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Des \u00d6fteren blickt Jakob II. dabei auf sein eigenes Leben zuru\u0308ck. Er berichtet von Menschen, denen er vertraute oder misstraute, von Fehlentscheidungen und pers\u00f6nlichen Schw\u00e4chen \u2013 Passagen, die erstaunlich offen wirken und ihn vor allem nach dem eigenen Ma\u00dfstab des selbst propagierten religi\u00f6sen Moralverst\u00e4ndnisses schlecht dastehen lassen. Doch dienen diese Stellen nicht der Selbstrechtfertigung, sondern sollen seinem Sohn als Warnung dienen; der gestu\u0308rzte K\u00f6nig verarbeitet seine Niederlagen und Unzul\u00e4nglichkeiten zu einem an die Tradition der Fu\u0308rstenspiegel erinnernden normativen Lehrstu\u0308ck fu\u0308r den ku\u0308nftigen Herrscher.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fu\u0308r den Betrachter von besonderem Interesse ist somit, dass das Manuskript Einblicke in das Herrschaftsverst\u00e4ndnis des gestu\u0308rzten Monarchen erm\u00f6glicht. Schon die einleitenden Worte vermitteln dies ausdru\u0308cklich. \u00bbKings being accountable for none of their actions but to God and themselves.\u00ab<sup data-fn=\"74a407da-7526-4262-be19-603a905536db\" class=\"fn\"><a href=\"#74a407da-7526-4262-be19-603a905536db\" id=\"74a407da-7526-4262-be19-603a905536db-link\">1<\/a><\/sup> Daraus folgt zugleich die Pflicht der Untertanen, ihrem Herrscher Gehorsam und Loyalit\u00e4t entgegenzubringen: \u00bb\u2018tis the duty of Subjects to pay true allegiance to him, and to observe his Laws.\u00ab<sup data-fn=\"dfd54643-9c35-46fe-8e1d-e848271f647c\" class=\"fn\"><a href=\"#dfd54643-9c35-46fe-8e1d-e848271f647c\" id=\"dfd54643-9c35-46fe-8e1d-e848271f647c-link\">2<\/a><\/sup> Fu\u0308r Jakob ist k\u00f6nigliche Herrschaft somit kein Vertrag zwischen Herrscher und Volk, sondern einer zwischen Gott und K\u00f6nig, gar eine g\u00f6ttliche Berufung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dennoch bedeutet diese selbstpostulierte uneingeschr\u00e4nkte Autorit\u00e4t fu\u0308r ihn keineswegs Willku\u0308r. Ein guter K\u00f6nig muss sich um seine Untertanen ku\u0308mmern. So fordert er seinen Sohn auf, ihnen mit \u00bbfatherly love and care\u00ab<sup data-fn=\"dff3900f-4cc3-47c1-a08f-f6b858ca47bd\" class=\"fn\"><a href=\"#dff3900f-4cc3-47c1-a08f-f6b858ca47bd\" id=\"dff3900f-4cc3-47c1-a08f-f6b858ca47bd-link\">3<\/a><\/sup> zu begegnen. Der K\u00f6nig erscheint hier als Vater seines Volkes und dem damit verbundenen Bild; stark, beschu\u0308tzend und fu\u0308rsorglich zugleich. Es sei verziehen, wenn man sich an das antike Ideal des <em>pater patriae<\/em>, an den \u00bbVater des Vaterlandes\u00ab, erinnert fu\u0308hlt. Deutlich wird, dass die Verantwortung gegenu\u0308ber den Untertanen fu\u0308r Jakob ebenso zum K\u00f6nigsein dazu geh\u00f6rt wie die Autorit\u00e4t. Entscheidend ist jedoch, dass nicht das Volk daru\u0308ber urteilt bzw. dass es fu\u0308r einen K\u00f6nig nicht von Relevanz ist, wie das Volk daru\u0308ber empfindet, ob er dieser Verantwortung gerecht geworden ist oder nicht, sondern wie Gott dies beurteilt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dennoch ermahnt er seinen Sohn ausdru\u0308cklich, Eigentum und Gewissensfreiheit seiner Untertanen zu achten. \u00bbDisturbe not the Subject in their property, nor conscience\u00ab.<sup data-fn=\"d15ab9fe-3c6f-438c-ad78-a5b48314a83e\" class=\"fn\"><a href=\"#d15ab9fe-3c6f-438c-ad78-a5b48314a83e\" id=\"d15ab9fe-3c6f-438c-ad78-a5b48314a83e-link\">4<\/a><\/sup> Das klingt fu\u0308r einen Monarchen zun\u00e4chst erstaunlich modern und scheint sich mit Gedanken, die der Zeitgenosse John Locke in seinen <em>Two Treatises of Government<\/em> entwickelte, zu decken, doch der Teufel steckt im Detail. Fu\u0308r Locke besitzt der Mensch diese Rechte von Natur aus und sie begrenzen die Macht des Herrschers. Fu\u0308r Jakob dagegen sind Eigentum und Gewissensfreiheit keine Rechte gegenu\u0308ber dem K\u00f6nig. Vielmehr sind sie Ausdruck seiner christlichen Verantwortung. Der Monarch schu\u0308tzt sie nicht, weil seine Macht eingeschr\u00e4nkt w\u00e4re, sondern weil Gott dies von einem guten Herrscher erwartet: \u00bbdo as you would be done to, for that is the law and the Prophets\u00ab.<sup data-fn=\"d4014d55-d4f9-4a55-9b4b-b12cd8f5148a\" class=\"fn\"><a href=\"#d4014d55-d4f9-4a55-9b4b-b12cd8f5148a\" id=\"d4014d55-d4f9-4a55-9b4b-b12cd8f5148a-link\">5<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Manuskript zeigt also, dass Jakob II. sich mit denselben Fragen wie seine politischen Gegner besch\u00e4ftigte: Wodurch wird Herrschaft legitim? Welche Verantwortung tr\u00e4gt ein K\u00f6nig? Wie soll ein guter Monarch regieren und handeln? Doch die Antworten fallen vollkommen verschieden aus. W\u00e4hrend sich im Zeitraum um die Glorious Revolution zunehmend die Vorstellung durchsetzte, dass k\u00f6nigliche Macht rechtlich begrenzt sein mu\u0308sse, hielt Jakob am Gottesgnadentum fest. Gleichzeitig passt er sein Herrschaftsmodell an die neuen Herausforderungen an. Er verbindet traditionelle Legitimit\u00e4t mit Forderungen nach verantwortungsvoller Regierung und versucht damit zwar nicht, die Monarchie neu zu erfinden, aber fu\u0308r eine ver\u00e4nderte politische Welt zu bewahren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade deshalb ist dieses Manuskript weit mehr als ein privates Dokument eines gestu\u0308rzten K\u00f6nigs. Es verdeutlicht, wie ein Monarch im Exil versuchte, seine Vorstellungen von Herrschaft zukunftsf\u00e4hig zu machen und an die n\u00e4chste Generation weiterzugeben. Zugleich wird daran deutlich, dass die Glorious Revolution keineswegs von allen Zeitgenossen als endgu\u0308ltiger Sieg einer neuen Ordnung verstanden wurde. Fu\u0308r Jakob II. und seine Anh\u00e4nger war sie vielmehr der Beginn eines jahrzehntelangen Ringens um Legitimit\u00e4t, Religion und Dynastie. Dass diese Gegenperspektive noch lange nach dem Tod Jakobs II. lebendig blieb, zeigen auch andere Objekte dieser Ausstellung, etwa das <em><mark style=\"background-color:#FFFFFF\" class=\"has-inline-color has-accent-3-color\"><a href=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/the-glorious-revolution\/2026\/08\/10\/ein-glas-fuer-einen-verbotenen-koenig\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Amen Glass<\/a><\/mark><\/em>.<\/p>\n\n\n<ol class=\"wp-block-footnotes has-small-font-size\"><li id=\"74a407da-7526-4262-be19-603a905536db\">James II, For my Son the Prince of Wales, Ms., S. 1. <a href=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/winter-of-discontent\/wp-admin\/post.php?post=6&amp;action=edit#74a407da-7526-4262-be19-603a905536db-link\"><\/a> <a href=\"#74a407da-7526-4262-be19-603a905536db-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 1 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"dfd54643-9c35-46fe-8e1d-e848271f647c\">Ebd. <a href=\"#dfd54643-9c35-46fe-8e1d-e848271f647c-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 2 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"dff3900f-4cc3-47c1-a08f-f6b858ca47bd\">Ebd., S. 2. <a href=\"#dff3900f-4cc3-47c1-a08f-f6b858ca47bd-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 3 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"d15ab9fe-3c6f-438c-ad78-a5b48314a83e\">Ebd., S. 10. <a href=\"#d15ab9fe-3c6f-438c-ad78-a5b48314a83e-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 4 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"d4014d55-d4f9-4a55-9b4b-b12cd8f5148a\">Ebd. <a href=\"#d4014d55-d4f9-4a55-9b4b-b12cd8f5148a-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 5 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>James II, For my Son the Prince of Wales (1692) Beitrag von Marcel G\u00fcniker Papier, Ledereinband, 19,7 x 13,7 x 1,6 cm , RCIN 1006012. Digitalisat: https:\/\/www.rct.uk\/collection\/search#\/15\/collection\/1006012\/for-my-son-the-prince-of-wales-1692 Das Jahr 1692 du\u0308rfte fu\u0308r Jakob II. ein bitteres gewesen sein. 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