{"id":14,"date":"2026-08-10T10:49:52","date_gmt":"2026-08-10T08:49:52","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/the-glorious-revolution\/?p=14"},"modified":"2026-08-10T16:54:27","modified_gmt":"2026-08-10T14:54:27","slug":"die-inszenierung-eines-gruendungsmythos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/the-glorious-revolution\/2026\/08\/10\/die-inszenierung-eines-gruendungsmythos\/","title":{"rendered":"Die Inszenierung eines Gr\u00fcndungsmythos"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_14 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_14')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_14').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Sein ausgestreckter Degen weist nach vorn, bewaffnete Reiter folgen seinem entschlossenen Blick. Auf seinem Weg finden sich Verwundete und Gefallene. Obwohl das Schlachtfeld zun\u00e4chst chaotisch anmutet und voller Bewegung ist, verliert der Betrachter den Protagonisten der Darstellung nie aus den Augen. Wilhelm III. beherrscht die Komposition uneingeschr\u00e4nkt. Er erscheint uns als siegreicher Feldherr an der Spitze seines Heeres, dessen Tatkraft und Entschlossenheit den Ausgang der Ereignisse bestimmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In dieser Form der Darstellung zeigt sich deutlich das politische Programm des Bildes. Benjamin West pr\u00e4sentiert uns nicht etwa eine authentische Schlachtenszenerie, vielmehr gestaltet er den Sieg Wilhelms zum heroischen Gr\u00fcndungsmythos eines modernen Gro\u00dfbritanniens. Die \u00bbGlorious Revolution\u00ab erscheint als Ausgangspunkt der neuen politischen Ordnung, die sich durch protestantische Dominanz und eine an das Parlament gebundene Monarchie auszeichnet. Das Gem\u00e4lde l\u00e4sst sich somit als Versuch interpretieren, der britischen Geschichte einen klar definierten Anfang zu geben. Der milit\u00e4rische Sieg am Boyne wird hier zum nationalen Gr\u00fcndungsmythos stilisiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Benjamin West The Battle of the Boyne 1778 malte, lag die Schlacht bereits fast neunzig Jahre zur\u00fcck. Erinnert wird hier somit nicht die Vergangenheit selbst, sondern eine ganz bestimmte Deutung des historischen Geschehens. Das Gem\u00e4lde ist damit weniger Quelle f\u00fcr das Geschehen von 1690 als ein Ausdruck britischer Erinnerungskultur des sp\u00e4ten 18.&nbsp;Jahrhunderts, wo aus den Ereignissen der Vergangenheit eine politische Erz\u00e4hlung konstruiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die eigentliche Schlacht am Boyne fand am 11. Juli 1690 bei Oldbridge im Nordosten Irlands statt und war Teil der Konflikte, die unmittelbar auf die \u00bbGlorious Revolution\u00ab von 1688 folgten. Das Heer des Wilhelm III. von Oranien traf dort auf die Anh\u00e4nger des abgesetzten katholischen K\u00f6nigs Jakob II. Der Sieg Wilhelms sicherte die neue Herrschaftsordnung im britischen K\u00f6nigreich auch milit\u00e4risch ab und gilt somit als ein entscheidender Schritt zur Sicherung der Ergebnisse der Revolution. F\u00fcr Irland bedeutete der Ausgang der Schlacht jedoch die Festigung protestantischer Vorherrschaft und den Beginn einer langen Phase politischer wie konfessioneller Unterdr\u00fcckung. Die Erinnerung an das Ereignis bleibt dementsprechend bis in unsere Gegenwart umstritten. W\u00e4hrend die Schlacht in der britisch-protestantischen Tradition gemeinhin als Triumph legitimer Herrschaft gefeiert wird, gilt sie in der irischen Erinnerung vielfach als Symbol von Eroberung und Fremdherrschaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">West greift diese Ambivalenz der Perspektiven nicht auf. Er inszeniert das Schlachtgeschehen als klar geordnete B\u00fchne. Wilhelm III. bildet mit seinem wei\u00dfen Pferd und dem leuchtend roten Rock den un\u00fcbersehbaren Mittelpunkt des Motivs. Der K\u00f6nig erscheint wie ein Dirigent, der mit seinem ausgestreckten Degen sein \u203aOrchester\u2039 aus Soldaten und Offizieren in eine gemeinsame Richtung lenkt und damit das Schlachtfeld zu einer insgesamt harmonischen Komposition formt. Die Darstellung des verwundete Friedrich von Schomberg, Wilhelms Vertrautem und Stellvertreter, in der unteren rechten Ecke des Bildes, erinnert zwar an die Opfer der Schlacht, stellt den Sieg der Protestanten jedoch in keiner Weise infrage. Stattdessen erscheint er hier als offenbar notwendiges Opfer f\u00fcr den Sieg und die damit einhergehende Festigung der neuen politischen Ordnung. Die Vergangenheit wird hier nicht neutral erinnert, sondern politisch gedeutet und entsprechend geformt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schlacht am Boyne als Erinnerungsort der britischen Geschichte scheint besonders geeignet f\u00fcr eine solche politische Instrumentalisierung. Als West das Gem\u00e4lde schuf, regierte in Gro\u00dfbritannien Georg III. aus dem Haus Hannover, dessen Herrschaft sich letztlich auf die Sukzession Wilhelms von Oranien und die politische Neuordnung der politischen Verh\u00e4ltnisse durch die \u00bbGlorious Revolution\u00ab berief. Historische Gem\u00e4lde wie dieses konnten vor diesem Hintergrund dazu beitragen, die bestehende Dynastie zu legitimieren und eine vermeintlich gemeinsame nationale Erinnerung zu schaffen, die sich \u00fcber den Protestantismus, die monarchische Tradition sowie, nicht zuletzt, \u00fcber milit\u00e4rische Erfolge der Vergangenheit definierte. Wests Darstellung der Schlacht am Boyne vereint alle diese Motive in sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hinzu kam die angespannte politische Lage des Jahres 1778. Gro\u00dfbritannien befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehreren Jahren im Krieg gegen seine nordamerikanischen Kolonien. Die dortigen milit\u00e4rischen R\u00fcckschl.ge ersch\u00fctterten die britische Gesellschaft zutiefst und stellten die St\u00e4rke des Empire zunehmend infrage. Vor diesem Hintergrund kommt der Wahl des Motivs eine besondere Bedeutung zu. Das Bild erinnert an einen historischen Moment, in dem sich die bestehende Ordnung bereits einmal gegen ihre Gegner behaupten konnte. Die Entstehungszeit des Bildes legt jedoch nahe, dass die Erinnerung an einen entscheidenden milit\u00e4rischen Erfolg auch zu einem Gef\u00fchl nationaler Geschlossenheit beitragen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade hier scheint sich die politische Aussage des Gem\u00e4ldes zu offenbaren. West erz\u00e4hlt ausschlie\u00dflich die Geschichte der Sieger. Jakob II. und seine Anh\u00e4nger erscheinen lediglich im Hintergrund, anonym und als geschlagene Gegner. Die katholische Bev\u00f6lkerung Irlands bleibt v\u00f6llig unsichtbar. Die Perspektive der Besiegten, die Enteignungen, die politische Ausgrenzung sowie die konfessionelle Benachteiligung der irischen Mehrheitsbev\u00f6lkerung, findet keinen Platz in Wests Komposition. Sein Gr\u00fcndungsmythos braucht offenbar eine klare Trennung zwischen dem siegreichen Heroen und legitimen Herrscher Wilhelm und seinen geschlagenen Gegnern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor dem Hintergrund des Titels dieser Ausstellung ist Wests Gem\u00e4lde somit gleich von doppelter Relevanz. Als Rezeptionszeugnis erinnert es mit einigem zeitlichen Abstand an die politischen Umbr\u00fcche im Gro\u00dfbritannien des ausgehenden 17.&nbsp;Jahrhunderts. Zugleich zeigt es auf, wie historisches Geschehen mythisiert und politisch instrumentalisiert werden kann. Was an Wests Werk modern wirkt, ist vor allem die Art und Weise seiner Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Der K\u00fcnstler erz\u00e4hlt die Geschichte als eine sowohl sinnhafte als auch zielgerichtete Entwicklung, aus der Ordnung und Stabilit\u00e4t hervorgingen und die letztlich eine nationale Identit\u00e4t begr\u00fcndete. Die Perspektive der Besiegten wird dabei systematisch und konsequent ausgeblendet. Damit stellt Wests Gem\u00e4lde ein anschauliches Beispiel f\u00fcr die Entstehung nationaler Gr\u00fcndungsmythen dar, die sich grunds\u00e4tzlich auf einer gezielten Auswahl und Deutung von historischem Geschehen gr\u00fcnden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text-subtitle is-style-text-subtitle--2 wp-block-paragraph\">Literatur<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Colley, Linda: Britons. Forging the Nation, 1707\u20131837. 3. Aufl. London 2012.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erffa, Helmut von; Allen Staley: The Paintings of Benjamin West. London 1986.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pincus, Steven C. A.: 1688. The First Modern Revolution (=&nbsp;The Lewis Walpole Series in Eighteenth-Century Culture and History). New Haven, London 2009.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Benjamin West, The Battle of the Boyne (1778) Beitrag von Florian Kaup \u00d6l auf Leinwand, 162,5 x 210,8 cm, Privatsammlung des Duke of Westminster, Eaton Hall, Cheshire. Fotografie: https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:William_III_at_the_Battle_of_the_Boyne.jpg Ein K\u00f6nig reitet auf einem wei\u00dfen Pferd durch das Chaos und den Pulverdampf einer weiten Schlachtenszene. 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