{"id":12,"date":"2026-08-10T10:49:52","date_gmt":"2026-08-10T08:49:52","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/the-glorious-revolution\/?p=12"},"modified":"2026-08-10T10:54:19","modified_gmt":"2026-08-10T08:54:19","slug":"konfession-und-geschlecht-als-politisches-argument","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/the-glorious-revolution\/2026\/08\/10\/konfession-und-geschlecht-als-politisches-argument\/","title":{"rendered":"Konfession und Geschlecht als politisches Argument"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_12 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_12')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_12').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Zwei Soldaten sitzen vor einer Kneipe: \u00bbHeb je het gehoord? De prins van Wales is eigenlijk de zoon van pater Peters!\u00ab, am\u00fcsiert ein niederl\u00e4ndischer Soldat seine Kameraden. Ein anderer entgegnet: \u00bbIk heb gehoord dat de prins eigenlijk de zoon is van de vrouw van een molenaar!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist das Jahr 1688, in dem zwei Niederl\u00e4nder scherzhaft die englische Thronfolge kommentieren, m\u00f6glicherweise unwissend, was ihnen bald bevorsteht. Bezug genommen haben k\u00f6nnten sie auf einen antijakobitischen Druck aus Amsterdam der Ger\u00fcchte der Zeit aufgreift und verbreitet. Als Jakob II. im Juni 1688 \u00fcberraschend ein Sohn geboren wurde, ersetzte dieser die protestantische Tochter des K\u00f6nigs, Maria, als Thronanw\u00e4rter. Gegner f\u00fcrchteten nun das Entstehen einer neuen katholischen Dynastie und somit die Rekatholisierung Englands. Infolge der Geburt des Thronfolgers entstanden Ger\u00fcchte, die dessen Legitimit\u00e4t infrage stellten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die im Druck abgebildete Szene stellt ein Schl\u00fcsselereignis f\u00fcr die \u00bbGlorious Revolution\u00ab dar: ein katholischer Thronfolger der Stuart-Dynastie und damit die Sorge vor einer langfristigen Rekatholisierung Englands machten die Geburt unmittelbar zu einem Gegenstand politischer Kontroversen. Das Ausstellungsobjekt macht gerade diese Auseinandersetzungen sichtbar: Es zeigt nicht einfach die K\u00f6nigin mit dem Thronfolger, sondern inszeniert die dynastische Geburt als Verdachtsfall ehelicher Untreue und katholischer Konspiration mittels eines Mediums, das die Legitimit\u00e4t der Thronfolge in einem \u00f6ffentlichen Raum diskutierbar macht. Genauer gesagt, l\u00e4sst sich diese satirische Darstellung in direkten Bezug mit zwei konkreten Ger\u00fcchten \u00fcber die Illegitimit\u00e4t des Prinzen setzen: Einerseits wird ein sexuelles Verh\u00e4ltnis zwischen Maria von Modena und dem Jesuitenpater Edward Petre (zeitgen\u00f6ssisch auch \u00bbFather Peters\u00ab genannt) durch ihre k\u00f6rperliche N\u00e4he und Vertrautheit in der Darstellung angedeutet. Somit wird hier der Verdacht ge\u00e4u\u00dfert, der Prinz sei nicht der Sohn Jakobs II., sondern das Kind von Father Peters und das Ergebnis ehelicher Verfehlung und T\u00e4uschung. Andererseits nimmt die Windm\u00fchle in der Wiege Bezug auf ein Ger\u00fccht, dem zufolge der Prinz das Kind einer M\u00fcllersfrau sei und Maria ihre Schwangerschaft nur vorget\u00e4uscht habe. Beide Ger\u00fcchte spiegelt die niederl\u00e4ndische Bildlegende. Zusammengefasst beschreibt der kurze Kommentar Father Peters als Meister der T\u00e4uschung, der die k\u00f6nigliche Familie und ganz England in den Schlaf wiege. Derweil mahle die M\u00fchle des Kindes den K\u00f6nig, die K\u00f6nigin und den Thronfolger selbst aus England heraus.<sup data-fn=\"a420b48f-2d58-4b66-9a1c-06e25ef522cd\" class=\"fn\"><a href=\"#a420b48f-2d58-4b66-9a1c-06e25ef522cd\" id=\"a420b48f-2d58-4b66-9a1c-06e25ef522cd-link\">1<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da die \u00bbGlorious Revolution\u00ab in der Forschung unter anderem als \u00bberste moderne Revolution\u00ab apostrophiert wird<sup data-fn=\"df4aa71e-76e7-40a4-b842-c98d0b8b078b\" class=\"fn\"><a href=\"#df4aa71e-76e7-40a4-b842-c98d0b8b078b\" id=\"df4aa71e-76e7-40a4-b842-c98d0b8b078b-link\">2<\/a><\/sup>, ist gerade dieses Objekt im Zusammenhang mit modernen Formen \u00f6ffentlicher politischer Kommunikation interessant. Verhandelt werden an sich keine explizit modernen Themen wie die Legitimit\u00e4tsfrage innerhalb von Monarchien. Das Medium,in dem die Thronfolge diskutiert wird, l\u00e4sst sich jedoch deutlich als eine neuere Form der Kommunikation in einem \u00f6ffentlichen Raum betrachten. Es handelt sich um einen satirischen Druck, im Format eines Flugblattes. Bezeichnend hierf\u00fcr ist das Potenzial zu hoher Vervielf\u00e4ltigung und schnell erkennbarem Thema. Beides dient dem Ziel, die Botschaft des Drucks einem m\u00f6glichst gro\u00dfen Publikum zug\u00e4nglich zu machen. Der Druck erscheint an sich raffiniert, mit detaillierten Abbildungen und im aufwendigen Mezzo-Tinto-Verfahren gedruckt, jedoch ist die Botschaft der Polemik alles andere als subtil. Die Abbildung zeigt sehr eindeutig die Untreue der K\u00f6nigin und wirft Zweifel an der Abstammung des Prinzen auf. Auch der beigef\u00fcgte Text nimmt auf beide Ger\u00fcchte um die Legitimit\u00e4t direkten Bezug und liest sich sehr eindeutig. Aus dieser Direktheit der Darstellung und des Textes ergibt sich eine niedrigschwellig zug\u00e4ngliche Kritik an der bestehenden Thronfolge, die potenziell f\u00fcr eine breitere \u00d6ffentlichkeit verst\u00e4ndlich und zug\u00e4nglich w\u00e4re. Die Tatsache, dass es sich um eine in Amsterdam gedruckte Polemik handelt, welche die englisch-schottische Thronfolge thematisiert und auf Niederl\u00e4ndisch kommentiert, gibt Aufschluss dar\u00fcber, dass diese Kontroverse \u00fcber die Landesgrenzen Englands und Schottlands hinweg diskutiert wurde. Der Druck erz\u00e4hlt somit nicht einfach die Geschichte einer k\u00f6niglichen Geburt, die in einem \u00f6ffentlichen Raum durch Ger\u00fcchte destabilisiert wird, sondern er\u00f6ffnet Perspektiven auf eine transnationale Relevanz des Themas, die sich in den politischen Kontext der Niederlande und der Folgenden Invasion Wilhelm von Oraniens einordnen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders die Inszenierung Marias von Modena macht dieses Ausstellungsst\u00fcck zu einem interessanten Objekt im Kontext eines Wandels zur Moderne im Rahmen der \u00bbGlorious Revolution\u00ab. In ihrer Darstellung als verf\u00fchrte Ehebrecherin, mit der Andeutung eines unehelich geborenen Kindes, wird sie als exakt kontr\u00e4r zu einem weiblichen Ideal der Fr\u00fchmoderne inszeniert. Im Zuge der Reformation gewann die Frau besonders in ihrer \u00bbFunktion\u00ab als Ehefrau und Mutter an Bedeutung.<sup data-fn=\"34841a20-d671-4df9-8989-eddc40626c55\" class=\"fn\"><a href=\"#34841a20-d671-4df9-8989-eddc40626c55\" id=\"34841a20-d671-4df9-8989-eddc40626c55-link\">3<\/a><\/sup> Die Entwicklung eines aus heutiger Perspektive traditionellen Rollenbildes der Frau ist eng mit protestantischen Vorstellungen von der Heiligkeit des Haushalts und der Familie im 16.&nbsp;Jahrhundert verbunden. Dieser neue Stellenwert der Frau als Mutter und Ehefrau im Protestantismus wird durch die Polemik umgekehrt, indem Maria von Modena, eine Katholikin, als untreue Ehefrau mit einem Kind ungewisser Abstammung dargestellt wird. Die Polemik stellt einen jesuitischen Geistlichen als Meister der T\u00e4uschung dar und bedient sich gezielt antikatholischer Narrative.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Polemik bespielt eine an sich bereits vorhandene Thematik, verhandelt sie jedoch durch ein vervielf\u00e4ltigbares Bildmedium, nutzt protestantische Vorstellungen der Rolle einer Frau und destabilisiert die Thronfolge in einem transnationalen Kommunikationsraum. Die Kombination aus vormoderner Thematik und modernen Praktiken macht sie zu einem wertvollen Objekt bei der Debatte \u00fcber die Modernit\u00e4t der \u00bbGlorious Revolution\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dem entgegen steht die Frage nach der tats\u00e4chlichen Verbreitung dieses Flugblattes. Die Ger\u00fcchte, die das Bild thematisiert, existierten in England und mindestens auch in den Niederlanden und wurden zweifelsohne auch \u00f6ffentlich diskutiert. Da es allerdings nur drei Quellenzeugen gibt und der Druck hochqualitativ ist bleibt die Reichweite dieser Quelle ungewiss. Au\u00dferdem werden \u203anicht-moderne\u2039, das hei\u00dft traditionale Thematiken bedient: die Frage nach der Legitimit\u00e4t von K\u00f6nigen, Erben und Dynastien ist eindeutig kein Novum. Die Quelle bleibt also ambivalent in ihrer konkreten Einordnung als \u203amodern\u2039.<\/p>\n\n\n<ol class=\"wp-block-footnotes has-small-font-size\"><li id=\"a420b48f-2d58-4b66-9a1c-06e25ef522cd\">Stephens, Frederic George: Catalogue of Prints and Drawings in the British Museum.<br>Division I: Political and Personal Satires (No. 1 to No. 1235). Vol. I: 1320 to April 11, 1689. London 1870, S. 716. <a href=\"#a420b48f-2d58-4b66-9a1c-06e25ef522cd-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 1 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"df4aa71e-76e7-40a4-b842-c98d0b8b078b\">Pincus, Steven C. A.: 1688. The First Modern Revolution (=\u00a0The Lewis Walpole Series in Eighteenth-Century Culture and History). New Haven, London 2009. <a href=\"#df4aa71e-76e7-40a4-b842-c98d0b8b078b-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 2 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"34841a20-d671-4df9-8989-eddc40626c55\">Todd, Margo: Humanists, Puritans and the Spiritualized Household. In: Church History 49, H.\u00a01 (1980), S. 18\u201334. <a href=\"#34841a20-d671-4df9-8989-eddc40626c55-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 3 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Polemik auf die Geburt James Edward Stuarts (1688) Beitrag von Lukas B\u00f6defeld und Julie Rogas Papier, Mezzotinto, 25 x 18,3 cm, The British Museum, London, Nr.&nbsp;1868,0808.3314. 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