Paderborner Bündnis gegen Depressionen e.V.

Die Stellvertretende Vorsitzende und Gründungsmitglied des Bündnisses gegen Depression in Paderborn heißt Hildegard Harmeier. Sie ist Dipl. Sozialpädagogin mit einer Zusatzausbildung in integrativer Gestaltpsychotherapie und seit 16 Jahren in einer psychosomatischen Reha-Klinik beschäftigt. Außerdem hat sie ihre eigene Praxis, in der wir sie besucht haben.

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mit: Hildegard Harmeier

„Wenn das Leben grau wird.“

Wir wollen als erstes wissen, wie sie Depression definiert. Hildegard Harmeier erklärt uns, dass eine depressive Erkrankung durch eindeutige Krankheitssymptome gekennzeichnet ist. Die zentralen Merkmale seien Interesselosigkeit, Antriebsschwäche, Verlust von Lebensfreude und der sozialer Rückzug. Der Satz „Wenn das Leben grau wird“ würde sehr gut beschreiben, wie sich jemand fühlt, der an einer Erkrankung des „depressiven Formkreises“ erkrankt ist, sagt die stellvertretende Vorsitzende. Denn ergänzende Symptome wie Appetitlosigkeit, Libido-Reduktion, Konzentration- und Merkfähigkeitsstörungen können das Leben grundlegend beeinträchtigen, was soweit gehe, dass derjenige jeglichen Lebenswille verliere. Von einer depressiven Erkrankung spreche man, wenn diese Symptome länger als 14 Tage anhalten, so Frau Harmeier. Des Weiteren erklärt sie, dass Depressionen in einzelnen Episoden vorkommen, die normalerweise vier bis acht Monate andauern würden, aber auch als längerfristige Verläufe mit einem ständigen Auf und Ab. Zudem bestehe oftmals eine Komorbidität mit anderen psychischen und/oder somatischen Erkrankungen. Dies könnte beispielsweise im Rahmen einer Angststörung passieren, wenn eine Person sich nicht in die Öffentlichkeit traut und so nicht in Kontakt mit anderen Menschen kommt. Diese Person würde sich, so Hildegard Harmeier, zunehmend isolieren und folglich eine Depression entwickeln können.

„Wir haben damit nichts zu tun.“

Frau Harmeier ist Sprecherin für Schulungen bei dem Paderborner Bündnis gegen Depression. Sie organisiert Vorträge und Workshops, die Betroffenen und Angehörigen helfen sollen, die Erkrankung besser zu verstehen und zu behandeln. Anfangs wären aber auch vor allem Hausärzte, Pflegekräfte und Sozialarbeiter an Vorträgen interessiert gewesen. Allerdings hätte das Interesse nachgelassen. Einen möglichen Grund sieht Hildegard Harmeier darin, dass ein gewisser Sättigungsgrad erreicht wäre. In den letzten Jahren wären Depression und Burn Out oft Thema gewesen, auch in den Medien. Ihr würde aber auch immer wieder auffallen, dass gewisse Berührungsängste, besonders bei Lehrern, aber auch in Betrieben existieren. Oft würden das Paderborner Bündnis gegen Depression dort mit den Worten „Wir haben damit nichts zu tun“ oder in den Betrieben „Nicht, dass unserer Mitarbeiter einen faulen Lenz schieben“ abgelehnt. Die Sozialpädagogin meint, dass Unternehmen einen Abfall der Leistungsfähigkeit oder vermehrte Krankschreibungen der Arbeitnehmer befürchten, wenn über die Erkrankung Depression aufgeklärt würde. Den Gegensatz dazu erlebt sie bei ihre Arbeit in der psychosomatischen Rehaklinik. Hier träfe sie als Psychotherapeutin viele Arbeitnehmer, die im Rahmen von Arbeitsplatzproblemen und auch Arbeitslosigkeit eine Depressionen entwickeln. Tatsächlich könnte aber frühzeitiges Erkennen und Eingreifen lange Ausfallzeiten verhindern.

„Die Zahl von Studierenden steigt.“

Wir wollen wissen, welche Inhalte bei den Vorträgen und Workshops vermittelt werden. Es gehe vornehmlich immer darum, das Krankheitsbild vorzustellen und zu erklären, welche Hintergründe zu dieser Erkrankung führen, um besonders dem Vorurteil „Du bildest dir das alles nur ein!“ entgegenzutreten. Wichtig ist zudem die Erläuterung über die unterschiedlichsten  Behandlungsmöglichkeiten, insbesondere der medikamentösen Therapie gegenüber würden immer noch viele Vorbehalte bestehen. Auch werden Informationen zu einer adäquaten Psychotherapie gegeben, wobei in Paderborn lange Wartezeiten auf die Patienten zukommen. Zur Überbrückung und Unterstützung bietet das Bündnis in Paderborn seit neustem auch Praxiskurse für Betroffene an. Darüber hinaus gehe es um das Thema Selbstmord und Depression in ganz speziellen Altersgruppen. Ihrer Meinung nach, scheint die Zahl von jungen betroffenen Erwachsenen und auch Studierenden beispielsweise weiter anzusteigen.

Frau Harmeier berichtet uns, dass sie sich u.a. intensiver mit dem Thema Postportale Depression beschäftigt hat, also einer Depression im Wochenbett. Sie ist an dieser Stelle mit den örtlichen Hebammen und Familienhebammen in Kontakt und hält auch selber Fortbildungen zu dem Thema. Was genau versteht man unter der Postportalen Depression, wollen wir wissen. Postportale Depressionen können kurz vor der Geburt, aber vornehmlich wenige Wochen nach der Geburt entstehen, erklärt uns Hildegard Harmeier. Der Hintergrund dieser Depression ist unter anderem auf die biologischen Zusammenhänge nach der Geburt zurückzuführen, also auf den Hormonhaushalt der Frau, der nach der Geburt in einer großen Umstellung ist und in eine Schieflage geraten kann. Diese Depression sei oftmals sehr schwerwiegend, da die Gefahr von Suizid oder Infantizid (also Kindstötung) sehr groß ist. Es können aber auch psychosoziale Gründe vorliegen, wie Probleme in der Ehe, Überforderung bei der Erziehung, traumatisierenden Erlebnisse bei der Geburt oder auch in der eigenen Kindheit. Das Problem bei einer Postportalen Depression ist, dass Mütter mit dieser Erkrankung ihre Kinder nicht hinreichend spiegeln können, so Harmeier. Den Müttern gelingt es dann nicht, mit ihrem Baby zu sprechen und es nachzuahmen, so dass  das Kind bei mangelndem Ersatz durch andere Bezugspersonen eine Bindungsstörung und damit eine erhöhte Vulnerabilität für eine spätere psychische Auffälligkeit entwickeln kann.

„Gibt es im Krieg Depression?“

Heute leidet jede vierte Frau und jeder achte Mann an Depressionen. Wenn man sich die aktuellen Statistiken anschaut, kommt es einem so vor, als würde die Zahl der depressiv Erkrankten steigen. Wir wollen von Frau Harmeier wissen, woran das liegt. Man könne den Eindruck haben, so die Sozialpädagogin, dass im Krieg kaum jemand an einer Depression erkrankt sei. Dafür gäbe es sicher viele verschiedene Gründe, aber sicher auch der, dass der Kampf um das Überleben keine Zeit zum Nachdenken gibt und der einzige Sinn darin besteht, für Essen und Sicherheit für sich und Angehörige zu sorgen. Man dürfe aber nicht übersehen, wie viele Menschen im Nachhinein und auch noch Generationen danach an psychischen Störungen leiden, was Generationsübergreifende Studien inzwischen zeigen. Aufgrund der damaligen fraglichen Behandlungsmethoden in einer Psychiatrie, insbesondere während des Nationalsozialismus, war das Thema psychische Erkrankung ein Tabu und man vermied in eine entsprechende Klinik zu kommen, was bis heute gerade auch bei älteren Menschen anhalte, die den Besuch beim ‚Nervenarzt‘ abwehren. Früher seien die Menschen auch in einem jüngeren Alter an anderen somatischen Erkrankungen gestorben, beispielsweise erlitten Männer eher einem Herzinfarkt und Frauen erkrankten häufiger an einer Depression. Daran zeige sich die enge Verschränkung von Psyche und Somatik, sagt die in einer psychosomatischen Klinik arbeitende Psychotherapeutin. Außerdem wurden die Symptome einer Depression früher anderes verschlüsselt. Als Hildegard Harmeier in der Klinik anfing, erzählt sie uns, gab es noch den sogenannten ICD9 (International Classification of Desease). Zu dieser Zeit gab es die Diagnose Vegetative Dystonie, was aber im eigentlichen Sinne dem Krankheitsbild einer depressiven Episode entsprach und heute auch so im ICD10 eingeordnet wird. Viele Patienten wurden einzig ihren somatischen Krankheitszeichen wie Schlaflosigkeit, Kopf- und Rückenschmerzen oder Herzerkrankungen nach behandelt, wobei aber in der Gesamtschau aller Beschwerden oftmals eine depressive Störung und/oder andere psychische Störung vorlag. So kommt es zu dieser statistischen Verzerrung, dass depressive Störungen zugenommen hätten. Tatsächlich wurden sie früher als Krankheitsbild nicht erkannt und anders zu behandeln versucht, so Harmeier.

Um diesen vielen Vorurteilen und Vorbehalten entgegenzutreten und damit Betroffenen eine Stimme und einen Platz in der Gesellschaft zu geben, wurde das bundesweite Netzwerk Bündnis gegen Depression gegründet, zu deren Veranstaltungen des örtlichen Vereines alle recht herzlich alle einlädt.

Kontakt: H. Harmeier
hildegard.harmeier@t-online.de
www.hildegard-harmeier.de
http://www.buendnis-depression.de

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