Kunstunterricht und Digitales

Die bildende Kunst der Gegenwart hinterfragt und experimentiert mit digitalen Medien. Auch für den Kunstunterricht ergeben sich spannende neue Möglichkeiten, die ausgelotet werden wollen. Für erste Inspirationen und tiefergehende Überlegungen werden hier Publikationen vorgestellt, die sich mit dem Thema der digitalen Medien im Kunstunterricht befassen.

Rat für Kulturelle Bildung (Hrsg.) (2019): Alles immer smart. Kulturelle Bildung, Digitalisierung, Schule Annika Waffner „Die Digitalisierung wartet mit Versprechungen, aber auch Widersprüchen auf, die es zu durchschauen, zu vermitteln und gelegentlich auch auszuhalten gilt.“ (Liebau, S. 4) Wenn über den Begriff der Digitalisierung diskutiert wird, steht oft noch die technische Seite im Fokus – Welche Geräte werden angeschafft? Wie kann das WLAN flächendeckend ausgebaut werden? … Dass daneben ebenfalls eine kulturelle Perspektive auf das Thema existiert, sollte in der Diskussion jedoch nicht aus dem Blick geraten. Die neuste Veröffentlichung des Rates für Kulturelle Bildung beschäftigt sich im Rahmen einer Denkschrift mit eben diesem kulturellen Aspekt der Digitalisierung. Dafür wird das Feld in zwei Bereiche geteilt: Zum einen geht es um die Frage nach der Rolle der kulturellen Bildung in der Schule unter dem Zeichen der Digitalisierung und die Möglichkeiten der künstlerischen Fächer, Kompetenzen für die neuen Herausforderungen zu vermitteln. Es werden beispielsweise zukunftsorientierte Kompetenzen nicht als technisches Know-How ausgelegt, sondern vielseitige Wahrnehmungs- und Gestaltungsfähigkeiten als Anforderung der digitalisierten Welt diskutiert. Der zweite Teil weitet den Blick und verknüpft die Digitalisierung mit verschiedenen künstlerischen, geschichtlichen, sozialen und weiteren Gesichtspunkten. Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss stellt beispielsweise die Frage, ob die Künste tatsächlich einen der wenigen Bereichen darstellen, die nicht digital ersetzt werden können, und Benjamin Jörissen beschäftigt sich mit der Materialität des Digitalen. Die Beiträge enden dabei mit den Auswirkungen ihrer Überlegungen für die kulturelle Bildung in der Schule. Insgesamt regt die Denkschrift dazu an, sich den praktischen Fragen zum Thema Digitalisierung an Schulen von einer übergeordneten und reflektierten Seite her zu nähern. Hierzu gehört die grundsätzliche Diskussion über die Rolle der Schule bzw. der Pädagogik angesichts der neuen Herausforderungen aber auch über die kulturellen Widersprüche der Digitalisierung selbst. Ein Leitfaden will die Denkschrift nicht sein, da verwundert es nicht, dass die praktischen Impulse unter anderem „Reflexion der Wahrnehmung fördern“ (S. 44) lauten. Nichtsdestotrotz ist es lohnend, inmitten von Diskussionen um den DigitalPakt Schule und Datenschutzbestimmungen eine Metaebene einzunehmen und sich mit der Frage nach der Grundhaltung gegenüber dem Thema Digitalisierung zu beschäftigen. Die Denkschrift steht als PDF unter www.rat-kulturelle-bildung.de/publikationen zur Verfügung. Essen: o.V., ISBN: 978-3-9820173-3-4, 18,80€

Camuka, Ahmet; Peez, Georg (Hrsg.) (2017)
– Kunstpädagogik digital mobil
– Kunstunterricht mit Smartphone und Tablets
Annika Waffner

In einem umfassenden Forschungs- und Veröffentlichungsprojekt haben sich die Herausgeber Ahmet Camuka und Georg Peez mit der Frage nach der Implementierung von digitalen Medien im Kontext des Kunstunterrichts und der Hochschullehre beschäftigt. Neben zahlreichen Beiträgen (siehe bspw. Kunst+Unterricht „Mit Smartphones und Tablets“ Heft 415/416, 2017) und der Dissertation von Ahmet Camuka wurden zwei Sammelbände herausgegeben, die den angestoßenen Diskurs widerspiegeln sollen. Ziel der Herausgeber ist es, den Einsatz digitaler Medien im Kunstunterricht ohne Vorbehalte zu untersuchen, um eine Grundlage für die weitere Praxis zu schaffen und den Diskurs weiter anzuregen.
Beide vorliegenden Bände behandeln verschiedenste Möglichkeiten der Verwendung digitaler Medien. Der Band „Kunstpädagogik digital mobil“ fokussiert den Einsatz von Fotografie bzw. Videos und geht daraufhin zu multimedialen Konzepten über, die auch Augmented Reality und 3D-Design beinhalten. Abschließend wird der kommunikative Aspekt digitaler Medien hinsichtlich Vermittlungsmethoden betrachtet und reflektiert. Durch die Aufteilung nach medialem Einsatz sind die für Lesende individuell relevanten Aufsätze leicht zu finden und zeigen gleichzeitig das breite Spektrum, wie bspw. Fotografie im Kunstunterricht verschieden eingesetzt werden kann. Das so gezeichnete Bild des realen Einsatzes digitaler Medien wird durch Grundlagentexte unterstützt. Besonders empfehlenswert sind hier die Einführung von Isabell Meyer, die das Smartphone oder Tablet als Prothese in die historische und moderne Idee des Körpers eingliedert, und der Beitrag „Video-Tutorials im Unterricht“ von Werner Bloß, der den Blick auf die Entwicklung vom Lehrvortrag zum Lehrvideo wirft und die Chancen der Speicherung und Verbreitung dieser Videos diskutiert.
Der zweite Band „Kunstunterricht mit Smartphone und Tablet“ beinhaltet ebenfalls die Fotografie als Werkzeug im Kunstunterricht, allerdings wird hier die Richtung des Stop-Motion-Films und des digitalen Zeichnens und Malens aufgefächert. Zu empfehlen ist der Beitrag von Georg Peez „Berühren, Wischen, Zoomen und der Pinzettengriff“, in dem die typischen Bewegungen auf Multi-Touch-Displays mit denen von Ergebnissen der Kinderzeichnungsforschung verbunden werden. Die Berichte aus der Praxis sind auch hier vielfältig und auf alle Jahrgangsstufen verteilt.
Zusammenfassend sind die Bände von Camuka und Peez sowohl dafür geeignet, einen allgemeinen Überblick über die Möglichkeiten des Einsatzes digitaler Medien zu bekommen, als auch, bestimmte Bereiche zu vertiefen. Besonders die Beiträge der zahlreichen realisierten Unterrichtsbeispiele bieten dafür eine gute Gelegenheit. Der Umfang der einzelnen Beiträge lässt dabei Platz für Diskussionen und weitere Auseinandersetzung mit dem Thema.
München: kopaed, ISBN: 978-3-86736-424-9 und 978-3-86736-423-2, je 19,80 €

Kunst+Unterricht (Heft 415/416, 2017)
Mit Smartphones und Tablets
Lena Westhoff
Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Kunst+Unterricht beschäftigt sich mit dem Einsatz von mobilen digitalen Endgeräten wie Smartphones oder Tablets im Unterricht. Dabei werden sowohl einige Grundlagen und Fragen zum Einsatz erklärt als auch Unterrichtsbeispiele dargestellt. Der Materialteil beinhaltet ausgewählte Beispiele von Künstlerinnen und Künstlern mit Informationen und Anregungen für den Unterricht.
Der einleitende Artikel eignet sich sehr gut für einen ersten Überblick über die Thematik. Gut verständlich zeigen Ahmet Camuka und Georg Peez auf, welche Herausforderungen und Risiken beim Einsatz von mobilen Endgeräten zu beachten sind und geben Hinweise, wie damit umgegangen werden kann. Gleichzeitig werden auch die Chancen und Aufgaben, die sich daraus für den Kunstunterricht ergeben übersichtlich dargestellt.
Im Anschluss folgen verschiedene Unterrichtsbeispiele von der Grundschule bis zur Oberstufe, die verschiedene Möglichkeiten zeigen, Smartphones und Tablets im Kunstunterricht einzusetzen. Die Bandbreite reicht dabei von Stunden, die ohne technische Hürden umzusetzen sind, bis hin zu Beispielen, die technisch komplexere Anforderungen stellen.
Vor allem die Künstlerbeispiele in den Rubriken „Kunst aktuell“, Analyse und Interpretation sowie die Anregungen im Materialteil verdienen besondere Erwähnung. Hier werden verschiedene Beispiele vorgestellt, wie sich Künstlerinnen und Künstler mit den Möglichkeiten der digitalen Medien in unterschiedlicher Weise (nicht nur affirmativ, sondern durchaus auch kritisch und subversiv) auseinandersetzen.
Dieser Teil bietet sowohl eine exemplarische Auswahl als auch Anregungen und Impulse für den Einsatz im Unterricht.