von Mabel Sue Walter
Der 16-mm-Lehrfilm als historisches Dokument und materielles Objekt
Die Auseinandersetzung mit unserem filmischen Erbe findet heute fast ausschließlich auf digitaler Ebene statt. Doch jenseits von Datenbanken und Streaming-Files existiert der Film als physisches Objekt, das ganz eigene Anforderungen an die Forschung stellt.
Im Praxisseminar am Institut für Medienwissenschaften der Universität Paderborn wurden alltägliche Skills zum Bedienen digitaler Benutzeroberflächen zur Seite gelegt, um sich der haptischen Realität des 16-mm-Lehrfilms zu widmen. Mit einem Bestand von über 1.000 Kopien bietet die Paderborner Sammlung eine bundesweit nahezu einmalige Forschungssituation, die es erlaubt, die Infrastruktur und die Inhalte des historischen Unterrichtsfilms unmittelbar zu erschließen.

In der Archivarbeit wird der Film nicht nur als ästhetisches Kunstwerk, sondern als Gebrauchsfilm und materielles Artefakt begriffen. Der Zugang zum Untersuchungsgegenstand erfolgt hier durch eine methodische Bestandsaufnahme in dem klimatisierten Archivraum und die haptische Arbeit am Sichtungstisch und am Projektor. Diese Perspektive ermöglicht es, den Blick über die reinen Bildinhalte hinaus in das „Alltagsleben“ der Kopien zu richten und es zu rekonstruieren. Anhand von Begleitkarten, physischen Gebrauchsspuren und didaktischen Begleitmaterialien lassen sich die Verleih-Strukturen der Stadt- und Landesbildstellen sowie die medienpädagogische Praxis der vergangenen Jahrzehnte nachzeichnen.
Der folgende Bericht dokumentiert diesen Prozess – von kühlen Archivregalen bis zur Reflexion im flimmernden Licht der 16-mm-Projektion. Begleitet wird die Darstellung von einer analogen Fotostrecke. Ziel war es, ein tieferes Verständnis für die Mentalitätsgeschichte des Nachkriegsdeutschlands zu entwickeln, die sich in den Lehrfilmangeboten des FWU (Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht) unmittelbar niederschlägt und deren Spuren die Bilder freilegen.
1. Anatomie der Filmdose

Bevor der Film den Weg zur Projektion findet, beginnt die Analyse beim Objekt selbst. In dem Archivraum der Universität Paderborn, innerhalb des Heinz-Nixdorf-Instituts, bietet sich die Gelegenheit, Filme in Original-Behältnissen zu untersuchen. Die 16-mm-Kopien werden in Blech- oder Kunststoffdosen aufbewahrt. Diese sind im Archiv mit Kennziffern versehen und liegen weitestgehend geordnet. Bereits die ersten Eindrücke vom Zustand der Filmdosen erlauben erste Annahmen über den vergangenen Verleih. Eine konkretere Vorstellung von Inhalt und

Mentalitätsgeschichte lässt sich mit näherer Betrachtung erörtern. In vielen Dosen der Sammlung befinden sich originale Laufkarten der Bildstellen sowie didaktische Begleithefte des FWU. Ein prägnantes Beispiel stellt der Film „Durch die Antarktis“ (1958) dar. Hier lag der Dose sogar ein Rückmeldungsblatt bei. Es kann als Zeugnis für die direkte Interaktion zwischen Lehrkräften und der Bildstelle fungieren. Diese Dokumente erlauben es, die bürokratische Seite und Präzision sowie den pädagogischen Auftrag von Lehrfilmen in Nachkriegsdeutschland nachzuzeichnen.
Doch auch der Filmstreifen selbst spricht als materielles Artefakt. Während der Bestandsaufnahme wurde der physische Zustand im Seminar und während der Sichtung dokumentiert.
2. Haptik des Analogen – Arbeit am Sichtungstisch
Der Kern des Praxisseminars liegt im manuellen Umgang mit Filmen. 16-mm-Filmarbeit ist ein physischer Prozess: das Einlegen der Spule, das vorsichtige Führen des Filmstreifens durch die Zahntrommeln des Sichtungstisches, das Einstellen des Magnet- oder Lichttons sowie das Bedienen des Steuerhebels. Die haptische Auseinandersetzung mit der Materialität und der Technik, die hinter dem Film steckt, geht im Digitalen meist verloren. Der Film wird nicht nur konsumiert, sondern bewusst ausgewählt und erfühlt. Dies ist ein bedeutender Teil der präzisen Zustandsanalyse. Darüber hinaus dokumentieren die im Seminar angefertigten Sichtungsprotokolle die physische Beschaffenheit und den Inhalt akribisch. Auffälligkeiten wie Laufstreifen, fehlende Vorspanne oder Tonsprünge sind hier keine bloßen Defekte, sondern vielmehr „historische Einschreibungen“. Ein Beispiel entspringt der Sichtung des Lehrfilms „Hitler an der Macht“ (1955). Im Seminar wurden zwei Kopien des Films gesichtet, die sehr unterschiedlichen Zustand aufwiesen. Die eine Kopie war vollständig und in einem guten Zustand. Die andere Kopie wies zahlreiche Klebestellen, Laufstreifen, Tonsprünge und gänzlich fehlende Szenen auf. Am Sichtungstisch wird die Materialität der Kopie zur primären Quelle der Erkenntnis bezüglich des Zustands. Klebestellen, Perforation, Geruch und Haptik des Filmstreifens können direkt wahrgenommen werden. An diesem Lehrfilm aus dem Jahr 1955 lässt sich gut beobachten, dass bei gleichem Inhalt jede einzelne Kopie dennoch eine individuelle Geschichte hinsichtlich der Nutzung und Zirkulation trägt. Diese Mechanik zwingt zu einer Entschleunigung des Blickes beim Sichtungsprozess. Jede Schramme erzählt von einer intensiven Nutzung in Klassenzimmern und verbildlicht den Zeitaspekt der Entstehung der Kopien, nicht nur auf inhaltlicher Ebene. Die Auffälligkeiten lassen ebenfalls auf ein Medium für den alltäglichen Gebrauch schließen, keines für die Ewigkeit.



3. Erziehung durch das Objektiv: Mentalitäten im Wandel

Der Übergang vom Einlegen des Filmes zur finalen 16-mm-Projektion im abgedunkelten Raum verändert die Wahrnehmung rasant. Erst beim gemeinsamen Sichten und Diskutieren treten die Filme als Zeugnisse einer spezifischen Mentalitätsgeschichte hervor. Der Projektor dient dabei nicht nur als Abspielgerät, sondern fungiert als Werkzeug einer kollektiven Analyse. Es wird nicht nur untersucht, was gezeigt wird, sondern wie es gezeigt wird und welche Weltbilder dabei mitschwingen.
Frühe Lehrfilme wie „Verhalten – angeboren und geprägt“ (1963), „Durch die Antarktis“ (1958) oder „Hitler an der Macht“ (1955) illustrieren eine autoritäre Geste der Nachkriegszeit und die klassische Ära der FWU-Produktion. Die männliche Erzählstimme gilt als typisches Merkmal und fungiert als unanfechtbare Experteninstanz, die das visuelle Geschehen streng wissenschaftlich einordnet. Die Filme vermitteln eine Welt, die geordnet und durch Experimente erklärbar ist. Die ruhige und beobachtende Kameraperspektive vermittelt zudem eine absolute Objektivität. Es scheint, als würde sich die Natur von selbst erklären, obwohl auch ein Lehrfilm durch Montage und Auswahl stark manipuliert werden kann.

In den folgenden Jahrzehnten nimmt der Film eine aufklärende Rolle ein. Eine deutliche Transformation wird bei Filmen sichtbar, die gesellschaftliche Krisen und Tabus thematisieren. Der Lehrfilm „AIDS Teil 1“ aus dem Jahr 1986 verdeutlicht einen Wandel der medienpädagogischen Strategie. Der Fokus bewegt sich dabei weg von der rein beobachtenden Naturwissenschaft hin zur Bedeutung der Aufklärung und dem Versuch, Hysterie abzubauen und Halbwahrheiten entgegenzuwirken. Eine explizite Thematisierung von Homosexualität und Verteidigung gegen Vorurteile zeigt den Lehrfilm als Instrument des sozialen Wandels.
Spannend ist außerdem die mediale Selbstreflexion in einigen Filmen. Der Trickfilm „Fragen Sie Gustav“ (1968) setzt auf eine spielerische Ästhetik, um Filmtechniken wie Zeitraffer, Doppelbelichtungen oder Blue-Screen-Verfahren zu erklären. Solche Filme dienten der frühen Medienkompetenz-Vermittlung. Sie dekonstruieren die Magie des Films und weisen auf die Montage und Technik, die hinter den Bildern sichtbar sind. Dieser Ansatz wiederum wurde auch im eigenen Handeln innerhalb des Seminars praktisch gespiegelt. Auch der Film „Demokratie und 4. Gebot“ (1968) basiert auf selbstreflektiven Elementen. Der Film beginnt direkt mit einer gespielten Szene aus der Schule, die anschließend in einem Weiterbildungsseminar für die Lehrenden verwendet wird, um diese zu einer Diskussion anzuregen.
Abschließend stellte sich die Frage nach der bildungspolitischen Wirkmacht. Das FWU entschied über Jahrzehnte hinweg, welche Bilder in deutsche Klassenzimmer gelangten. Die Projektion von Propagandamaterial, Filmen zur NS-Zeit oder Filmen zu geschlechtsspezifischen Themen zeigte besonders deutlich, wie schmal der Grat zwischen Bildung und Beeinflussung sein kann.
Die Diskussion im Seminar sowie der diverse Wissenspool der Seminarteilnehmer*innen erlaubten es uns, diese Machtstrukturen freizulegen und zu hinterfragen, inwiefern die Filme nicht nur Wissen transportieren, sondern auch gesellschaftliche Normen festigen oder herausfordern.
Fazit: Vom Archivschlaf zum Online-Dossier
Die Reise durch das Paderborner 16-mm-Archiv endet nicht wieder im Archivraum, sondern führt in die digitale Gegenwart. Zentrales Ziel des Praxisseminars ist die Transformation des analogen Bestands in Rechercheberichte, Online-Dossiers und eine kuratorische Arbeit in Form einer Filmvorstellung. Dieses Projekt dient nicht nur der internen Dokumentation, sondern soll die Bestände und Erkenntnisse langfristig für die Forschung und Allgemeinheit sichtbar machen.
Der Weg zu diesem Dossier war intensiv und praxisnah. Tobias Hering gestaltete das Seminar als Werkstatt und begleitete nicht nur als Dozent, sondern als erfahrener Kurator und Mentor durch die Praxis.
Für Medienwissenschaftler*innen bietet die Arbeit am 16-mm-Material einen essenziellen Mehrwert: Sie ermöglicht es, die physische Basis und die technikhistorischen Voraussetzungen unserer heutigen digitalen Kultur zu begreifen. Die Auseinandersetzung mit dem Analogen fördert dabei ein tieferes Verständnis für die Materialität von Informationen und die allgemeine Archivarbeit. Letztlich wird deutlich, dass die kritische Analyse historischer Bestände die notwendige Grundlage bildet, um vermeintlich immaterielle Strukturen unserer Gegenwart dekonstruieren zu können.


Fotos & Text: Mabel Sue Walter

