Erfahrungsbericht zum Praxisseminar: Lehr- und Unterrichtsfilme auf 16mm

von Sina Bulut


Im Wintersemester 2025/26 besuchte ich an der Universität Paderborn das Seminar „Die 16mm-Lehrfilm-Sammlung der Universität Paderborn als Archiv westdeutscher Mentalitätsgeschichte“, das von Tobias Hering geleitet wurde. Das Seminar widmete sich praxisorientiert historischen Lehr- und Unterrichtsfilmen im 16mm-Format, die über Jahrzehnte an Schulen eingesetzt wurden. Zentral war dabei die Frage, welche gesellschaftlichen Werte, pädagogischen Konzepte und Mentalitäten in den Filmen sichtbar werden. Eine besondere Rolle spielte die umfangreiche Lehrfilmsammlung des Instituts für Medienwissenschaften der Universität Paderborn, deren über 1000 Filmkopien nicht nur filmhistorisches Material, sondern auch Begleitdokumente wie didaktische Hefte enthalten. So bot das Seminar die Möglichkeit, filmische Quellen sowohl inhaltlich als auch in ihrer Materialität zu analysieren und damit ein Stück Medien- und Mentalitätsgeschichte praktisch zu erschließen.

Zu Beginn des Semesters meldete ich mich aus Neugier für das Praxissemester an, ohne genau zu wissen, was mich erwarten würde. Lehrfilme, 16mm-Projektionen, Archivarbeit – all das erschien zunächst weit entfernt von meinem Alltag. Ich rechnete mit theoretischen Sitzungen und vielleicht einigen Filmausschnitten, die wir analytisch besprechen würden. Schnell zeigte sich jedoch, dass das Seminar wesentlich praktischer und intensiver war, als ich vernutet hatte.

Begegnung mit dem Filmarchiv

Beim ersten Termin fiel mir auf, wie klein und dicht gefüllt der Raum des Archivs ist. Regal an Regal, Metallbehälter neben Metallbehälter, kaum Platz zum Bewegen. Zunächst schaute ich mich einfach nur um und las die Etiketten auf einigen Behältern: Filmtitel, Produktionsjahre, Archivnummern. Dennoch entstand der Eindruck, wie nah diese Filme am Unterrichtsalltag früherer Jahrzehnte standen. Das Archiv erschien dadurch nicht nur als Aufbewahrungsort alter Filme, sondern als greifbares Zeugnis gelebter Medienpraxis.

Von der Theorie zur Praxis: Arbeit am Material

In den folgenden Sitzungen arbeiteten wir praktisch mit dem Material. Wir bekamen Filmrollen in die Hand, öffneten vorsichtig die runden Behälter und legten die Kopien unter Anleitung in den Projektor. Mir wurde schnell klar, wie empfindlich dieses Material reagiert und wie viel Aufmerksamkeit es verlangt. Jede Berührung sollte überlegt sein, jeder Griff präzise. Dieser praktische Umgang fühlte sich anfangs ungewohnt an, entwickelte sich aber zu einem spannenden Teil des Seminars. Das Arbeiten mit echten Kopien vermittelt ein Gefühl von Verantwortung, das über reine Filmanalyse hinausgeht. Mediengeschichte lag buchstäblich in meinen Händen. Ein besonderer Moment entstand, als ich zum ersten Mal den 16mm-Projektor „Bauer P7“ bedienen durfte. Das Gerät wirkt sperrig, schwer, fast archaisch, aber gerade darin liegt seine Faszination. Die Mechanik bewegt sich hörbar, die Projektion entsteht nicht durch einen Klick, sondern durch meinen Handgriff. In diesem Moment wurde deutlich, wie eng technische Praxis und medienwissenschaftliche Analyse verbunden sind. Neben den Filmkopien analysierten wir auch die Beschriftungen sowie die didaktischen Begleithefte des Instituts für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (FWU) und dokumentierten diese fotografisch für spätere Sichtungsprotokolle. Die Hefte erklärten, wie die Filme im Unterricht genutzt werden sollten und welche pädagogischen Ziele damit verbunden waren. So wurde sichtbar, dass Lehrfilme nicht nur kulturelle Produkte, sondern auch Werkzeuge einer staatlich strukturierten Bildungspolitik waren. Diese praktische Archivarbeit machte deutlich, historische Lehrfilme in mehrfacher Hinsicht als Quellen zu verstehen: Sie dokumentieren nicht nur Inhalte und gesellschaftliche Vorstellungen, sondern auch pädagogische Praktiken, technische Voraussetzungen und Materialspuren von Gebrauch. Erst durch die Kombination von Projektionstechnik, Archivmaterial und inhaltlicher Interpretation wurde nachvollziehbar, welchen mentalitätsgeschichtlichen Wert ein solches Filminventar besitzt.

Die Sichtungen: Zwischen Zeitdokument und Lehrmaterial

Gemeinsam wählten wir eine große Bandbreite an FWU-Produktionen aus mehreren Jahrzehnten aus. Darunter waren naturwissenschaftliche Filme, politische Bildungsfilme, Sportanleitungen sowie Filme zu sozialen oder persönlichen Themen. Die Vielfalt zeigte, wie unterschiedlich pädagogische Ziele filmisch umgesetzt wurden: mal über kommentierende Sprache, mal über Demonstration, mal über Animation oder Szenenspiel. Bei jeder Sichtung war der Zeitgeist erkennbar – weniger durch Mode oder Technik, sondern durch die Art, wie Wissen vermittelt, Autorität dargestellt und gesellschaftliche Rollen adressiert wurden. Manche Filme setzten auf klare Anleitung, andere zeigten Alltagssituationen oder richteten sich an persönliche Erfahrungen. So wurde deutlich, welche Vorstellungen über Bildung, Verhalten und Gemeinschaft zu einer bestimmten Zeit vermittelt wurden. Die Diskussionen nach jeder Sitzung halfen, die Filme nicht nur als Unterrichtsmaterial, sondern auch als Spiegel der Gesellschaft zu verstehen. Sie vermitteln Wissen und zugleich gesellschaftliche Haltungen, die über den Unterricht hinauswirken.

Persönliches Fazit

Ich meldete mich aus Interesse für das Seminar an und erwartete eher eine theoretische Vertiefung in medienwissenschaftliche Fragestellungen. Stattdessen bekam ich einen Zugang, der Technik, Archivarbeit und filmhistorische Analyse vereint. Gerade diese Kombination erlaubte es mir, Mediengeschichte nicht nur zu verstehen, sondern sie direkt zu erleben. Lehr- und Unterrichtsfilme im 16mm-Format erscheinen mir heute nicht als veraltete Materialien, sondern als historische Quellen, die gesellschaftliche Vorstellungen prägen und sichtbar machen. Das Seminar vermittelte nicht nur Wissen, sondern auch Respekt für Archive  und die Bedeutung von Materialität in der Medienforschung. Ich habe nicht nur Filme gesehen, sondern auch eine Form von Bildungs- und Medienpraxis kennengelernt, die mir zuvor fremd war. Das Seminar hat großen Spaß gemacht. Besonders die Arbeit mit den historischen Lehrfilmen und die gemeinsamen Diskussionen bereicherten den Lernprozess und machten das Thema lebendig.


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