von Diana Jasperneite
Im Wintersemester 2025/2026 hatte ich im Seminar zur Filmsammlung der Universität Paderborn die Gelegenheit, mit historischen Lehrfilmen zu arbeiten. Im Seminar haben wir ausschließlich 16mm-Filme aus dem 20. Jahrhundert gesichtet, die jeweils einzeln auf dem Projektor eingelegt und analog vorgeführt wurden.
Für mich war besonders beeindruckend, wie sehr die physische Beschaffenheit der Filmrollen das Seherlebnis beeinflusst. Die Filme konnten nicht einfach beliebig angehalten oder zurückgespult werden, sodass man den Moment der Sichtung viel bewusster erlebt hat. Abnutzungsspuren fallen sofort auf, das Surren des Projektors ist im Hintergrund hörbar und man nimmt das Tempo des Films intensiver wahr. Digitale Versionen bieten diese Erfahrung nicht.
Kleine Beschädigungen oder Verfärbungen zeigen außerdem, dass das Material schon häufig genutzt wurde. So werden die Nutzung und Geschichte der Filme direkt erfahrbar und der Projektor wird zu einem aktiven Teil der Rezeption. Filmrollen, Gebrauchsspuren und technische Einschränkungen sind damit ein genauso wichtiger Teil der Sammlung wie die Inhalte selbst. Und all diese Einsichten waren nur möglich, weil wir die Filme physisch und analog erleben konnten.
Dieses Bewusstsein für Materialität beeinflusste auch, wie ich die Inhalte wahrgenommen habe. Besonders spannend war die Auseinandersetzung mit Lehrfilmen aus den 1960er- bis 1980er-Jahren, weil viele Filme aus heutiger Sicht veraltet, überholt oder sogar problematisch wirken. Gerade dadurch wird deutlich, welche Vorstellungen von richtigem Verhalten, Rollenbildern und gesellschaftlichen Normen vermittelt werden sollten. Gleichzeitig war es interessant, die gleichen Filme zu sehen, die schon frühere Generationen in der Schule geschaut haben. So wurde mir nochmal bewusst, wie Bildung und Erziehung damals im Vergleich zu heute organisiert waren und welche Vorstellungen jungen Menschen mitgegeben wurden.
Die Filme haben nicht nur bestimmte Werte erkennbar gemacht, sondern auch gezeigt, welche pädagogischen Ansätze damals verfolgt wurden. Als Lehrfilme waren sie ursprünglich vor allem Informationsmedien. Sie sollten Wissen vermitteln, das zu ihrer Entstehungszeit als richtig und aktuell galt. Mit den Jahren verliert dieser Informationswert aber je nach Film an Relevanz. Während einige Filme bereits nach wenigen Jahren überholt sind, behalten andere Inhalte länger ihre Gültigkeit. Gleichzeitig gewinnen die Filme mit der Zeit als Zeitdokumente an Bedeutung. Gerade das, was heute veraltet oder problematisch erscheint, sagt viel darüber aus, wie damals gelernt und unterrichtet wurde. Der Lehrfilm verschiebt sich damit von einem Medium der Wissensvermittlung hin zu einer Quelle, die etwas über ihre Zeit erzählt. Nicht die inhaltliche Richtigkeit des Films ist entscheidend, sondern die Perspektive, mit welcher man den jeweiligen Lehrfilm anschaut.
Nach jeder Sichtung folgten immer wieder kurze Gespräche im Seminar. Dabei ging es nicht darum, endgültige Bewertungen zu finden, sondern vielmehr um das Austauschen von Beobachtungen und die Diskussion von Fragen: Warum wurden bestimmte Szenen so gezeigt? Wie wurde der Film ursprünglich im Unterricht eingesetzt? Was sagt er über die damaligen Bildungs- und Gesellschaftsvorstellungen aus?
Wie Susanne Pollert in Film- und Fernseharchive (1996) beschreibt, geht es vielen Archiven nicht nur um das Aufbewahren von Filmen. Besonders Universitätsarchive verfolgen zudem das Ziel, ihre Bestände aktiv nutzbar zu machen – vor allem für Bildung, Forschung und medienpädagogische Zwecke. Das passiert zum Beispiel durch Seminare und studentische Sichtungen, bei denen Filme direkt erlebt und analysiert werden können.
Susanne Pollert schreibt dazu: „Die Tätigkeit öffentlicher Filmarchive dient einer Nutzbarmachung von Moving Images als Kulturgut und historische Quelle. Sie zielt im Rahmen der rechtlichen Gegebenheiten auf eine nichtkommerzielle Nutzung in Wissenschaft und Bildung, Forschung und Lehre sowie auf die Propagierung und Unterstützung einer nationalen Filmkultur ab“ (S. 72). Im Seminar konnten wir genau das erleben. Wir durften die 16mm-Lehrfilme analog sichten und auswählen, sodass wir direkt nachvollziehen konnten, wie Filmarchive Filme als Quellen und Kulturgut nutzbar machen.

Am Institut für Medienwissenschaften gibt es eine analoge Sammlung mit mehr als 2000 Filmen auf 16mm, 8mm und Super 8. Unsere gemeinsamen Sichtungen im Seminar waren nicht nur einzelne Filmstunden, sondern Teil eines größeren Systems, das Filme als kulturell und historisch wichtige Quellen versteht.
Allerdings bieten nicht alle Archive solche Sichtungsmöglichkeiten an. Universitäre Archive, wie an der Universität Paderborn, sind in der Regel leicht zugänglich und ermöglichen die direkte Verwendung ihrer Bestände für Seminare und Lehrveranstaltungen. Pollert beschrieb 1996 die Nutzung öffentlicher Filmarchive vor allem für nicht-kommerzielle Zwecke, wobei der Grad des Zugriffs auf ein Archiv auch damals schon vom jeweiligen Archivtyp abhing. So ist es auch heute. Im Vergleich zu Universitätsarchiven sind Fernseharchive beispielsweise oft stärker reguliert.
Die Arbeit mit 16mm-Lehrfilmen hat mir die Möglichkeit gegeben, zu erleben, wie anders es ist, Filme in ihrer analogen Version zu sehen. Das wäre außerhalb solcher Seminare sonst kaum möglich. Erst durch das physische Arbeiten mit den Filmrollen entstehen Eindrücke, die ansonsten verloren gegangen wären.
Quellen
Pollert, Susanne (1996): Film- und Fernseharchive: Bewahrung und Erschließung audiovisueller Quellen in der Bundesrepublik Deutschland. Potsdam: Verlag für Berlin-Brandenburg.

