{"id":84,"date":"2023-09-27T10:34:57","date_gmt":"2023-09-27T08:34:57","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/?p=84"},"modified":"2023-09-27T14:05:04","modified_gmt":"2023-09-27T12:05:04","slug":"wenn-jeder-an-sich-selbst-denkt-ist-doch-an-alle-gedacht-oder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/2023\/09\/27\/wenn-jeder-an-sich-selbst-denkt-ist-doch-an-alle-gedacht-oder\/","title":{"rendered":"Wenn jede*r an sich selbst denkt, ist doch an alle gedacht, oder?\u00a0"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_84 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_84')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_84').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Technik ist nicht nur auf mechanische oder digitale Artefakte beschr\u00e4nkt, nicht nur auf Werkzeuge und Maschinen, die wir verwenden, sondern umfasst sehr viel mehr als das. Das leuchtet uns direkt ein wenn wir unseren allt\u00e4glichen Sprachgebrauch betrachten: Wir reden von einer spezifischen Boulder- oder Tennis-Technik, von einer Technik des Backens oder Buchbindens oder einem technischen Wissen. [1] Und ebenso k\u00f6nnen wir von Achtsamkeits\u00fcbungen als eine Art Kulturtechnik sprechen, die etwas mit uns macht oder machen soll. Das achtsame Ein- und Ausatmen zum Beispiel soll uns dabei helfen konzentrierter und weniger gestresst, im Hier und Jetzt zu sein. Diese \u00dcbungen k\u00f6nnen also als Mittel betrachtet werden etwas bestimmtes zu bewirken: als eine Technik des Selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Eben diese gesellschaftlich weitverbreitete Selbsttechnik wird von Purser in seinem Werk kritisch beleuchtet. Er selbst ist ein Professor f\u00fcr Management und auch praktizierender Buddhist. Damit kennt er sich in den beiden scheinbar disparaten Themen aus, deren fragw\u00fcrdiger Symbiose er in seiner vorgelegten Studie nachgeht. Seine Hauptthese des Buch bringt er im folgenden Zitat konkret auf den Punkt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eInstead of encouraging radical action, it says the causes of suffering are disproportionately inside us, not in the political and economic frameworks that shape how we live.\u201c (S. 7)<\/p>\n\n\n\n<p>Genau auf diesen Punkt kommt er immer wieder zur\u00fcck und zeigt anschaulich, wie dies in immer mehr Bereichen der Gesellschaft Fu\u00df fasst \u2014 nicht nur in der Arbeitswelt, sondern auch in der Erziehung und Bildung, bei den intellektuellen Eliten, im Milit\u00e4r, in der Politik und selbst in epistemologischen Aspekten des Lebens, indem koloniales, sexistisches und rassistisches Denken durch diese Praktiken verfestigt wird. [3] Es ist nicht verwunderlich dass diese Praktiken insbesondere von und f\u00fcr Personen im Management angeboten und beworben werden und sogar beim World Economics Forum in Davos diskutiert und praktiziert wurden. Der Fokus auf Achtsamkeit hat es\u00a0 geschafft prek\u00e4re Lebenssituationen und den durchgehenden Leistungsdruck, wie sie in unserer sp\u00e4t-kapitalistischen Lebenswelt zum Alltag geworden sind, auf die Individuen abzuw\u00e4lzen, obwohl sie struktureller Natur sind: \u201eStress has been pathologized and privatized and the burden of managing it outsourced to individuals.\u201c (S. 8f)\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Neben diesem strukturellen Problem besch\u00e4ftigt den praktizierenden Buddhisten vor allem dass die medizinisch begr\u00fcndete Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) sich selbst als von buddhistischen Praktiken inspiriert, aber ohne religi\u00f6sen Einfluss gepr\u00e4gt versteht \u2014 wobei sich bei dieser Sicht nicht die gesamte Achtsamkeits-Elite einig zu sein scheint. Um von staatlichen Krankenversicherungen finanziert zu werden, m\u00fcssen sie gegen einen religi\u00f6sen Einfluss ihrer Praktiken argumentieren; um es in der Masse zu bewerben, propagieren sie jedoch gerne ihren Bezug zum Buddhismus. Purser arbeitet in seinem Werk auf spannende Weise heraus, wie diese Selbstwiderspr\u00fcchlichkeit vor sich geht. Stark kritisiert er nicht nur diese unklare Haltung, sondern auch dass dieses Vorgehen die \u00f6ffentliche Meinung und Wissen \u00fcber den Buddhismus verkl\u00e4rt. Denn da MBSR ideologische Anspr\u00fcche ablehnt und sich rein auf Techniken des Selbst konzentriert, seien diese im buddhistischen Glauben nicht von ihren ethischen Anspr\u00fcchen zu trennen. Dieser Aspekt w\u00fcrde n\u00e4mlich ebenjenes Argument gegen die Privatisierung und Pathologisierung von Stress entkr\u00e4ften, da in buddhistischen Praktiken ein starker Fokus auf ethisch-soziale Ebenen des Lebens gelegt wird und auch eine Verbesserung dieser Umst\u00e4nde fordert \u2014 doch das w\u00e4re eine Argumentationslinie, die nicht aus westlichen Steuergeldern finanziert werden w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"685\" height=\"331\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/files\/2023\/09\/McMind-Brain.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-86\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/files\/2023\/09\/McMind-Brain.png 685w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/files\/2023\/09\/McMind-Brain-300x145.png 300w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/files\/2023\/09\/McMind-Brain-500x242.png 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 685px) 100vw, 685px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Stattdessen begr\u00fcnden MBSR-VertreterInnen sich selbst und ihre Wirksamkeit durch eine (pseudo)wissenschaftliche Technik, die auf uns up-to-date und unfehlbar wirken: sie zeigen uns shiny Bilder von Hirn-Scans w\u00e4hrend und nach Achtsamkeits\u00fcbungen. Sobald wir diese high-tech generierten Aufnahmen sehen, hinterfragen wir nicht die Wissenschaftlichkeit dieser Forschungen. Purser hat auch die immer umfangreicher werdende Forschung rund um Achtsamkeit untersucht und festgestellt, dass viele der in hohen T\u00f6nen gelobten Studien nachweislich erhebliche M\u00e4ngel aufweisen. Eine deutsche Studie aus Freiburg hat sogar herausgefunden, dass \u201ebinge-drinkers scored significantly higher on mindfulness than experienced mediators (normal college students were in the middle)\u201c \u2014 nat\u00fcrlich muss das eine Studie aus Deutschland untersucht haben. (Ch. 7)&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sein zentraler Kritikpunkt ist und bleibt die Verschmelzung der Achtsamkeits-Szene mit der ausbeuterischen Wirtschaft, aber auch dass sie selbst zu einer Industrie geworden ist. Ebendiesen Prozess bezeichnet er, in Anlehnung an Ritzers Begriff der McDonaldization, welcher beschreibt wie allt\u00e4gliche Erfahrungen nur noch durch standardisierte, verwertbare Prozesse der Industrie erlebt werden, als McMindfulness. Hierbei denkt er an Apps wie <em>Headspace<\/em>: eine Meditations-App, die durch ihre dutzenden Benachrichtigungen, die uns daran erinnern sollen zu meditieren, mehr Stress ausl\u00f6sen als die f\u00fcnf Minuten Meditation wieder gutmachen k\u00f6nnten, zu denen sie uns bewegen m\u00f6chte. Dieser Effekt ist zutiefst irrational, da die reine Marktlogik das Produkt in ihren Widerspruch verkommen l\u00e4sst. (Vgl. S. 166) \u00c4hnlich wie bei McDonalds: ein Restaurant das nicht wirklich satt macht, sondern stets zu mehr Konsum verf\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles in allem ist die \u201eAchtsamkeits-Revolution\u201c jedoch nur ein kleiner Teil der derzeitigen gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen, die wir im neoliberalen Kapitalismus erleben: \u201eThe mindfulness movement is an example of an ideological shift, in which an obsessive focus on wellness and happiness becomes a moral imperative.\u201c (S. 77) Wohlergehen und Gl\u00fcck das wir nur durch einer permanenten Selbstoptimierung erreichen k\u00f6nnen \u2014 eine sehr stressvolle Aufgabe! Deswegen betreibt besser jede*r f\u00fcr sich Mindfulness, denn: Wenn jede*r an sich denkt, ist an alle gedacht, oder?<\/p>\n\n\n\n<p>Unterm Strich finde ich das Buch sehr empfehlenswert f\u00fcr all diejenigen, die sich auch schon gefragt haben: Wieso sind so viele Menschen in einem Modus der Selbstoptimierung? Was macht dieser Fokus auf uns selbst mit uns als Gesellschaft? Und wieso spielt er dem Kapital in die H\u00e4nde? Und vor allem: Wie k\u00f6nnen wir die Vorteile von Achtsamkeits-Praktiken nutzen ohne dieser St\u00fctzung dieses Stress verursachenden Systems in die H\u00e4nde zu spielen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe eine Ausgabe f\u00fcr die Universit\u00e4tsbibliothek bestellt, welche in den n\u00e4chsten Tagen ankommen sollte. Also: viel Spa\u00df beim Lesen!<\/p>\n\n\n\n<p>Sven Thomas<\/p>\n\n\n\n<p>[1] &nbsp;Vgl. Hubig: Technik als Medium. In: Handbuch Technikethik.<\/p>\n\n\n\n<p>[2] &nbsp;Hier kommt einem fast auf nat\u00fcrliche Weise Foucaults \u201eTechnologien des Selbst\u201c in den Kopf. Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass Purser gegen Ende seiner Analyse auch auf ihn zu sprechen kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>[3] Die Aufforderung &#8222;Just Breathe&#8220; als L\u00f6sung aller Probleme scheint besonders makaber wenn man an einen Satz denkt, der nach 2014 und 2020 um die Welt ging: &#8222;I can\u00b4t breathe!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Rezension zu Pursers Buch McMindfulness: How Mindfulness Became the New Capitalist Spirituality Die von Ronald Purser in seinem Buch McMindfulness \u2014 auf deutsch Wie Achtsamkeit die neue Spiritualit\u00e4t des Kapitalismus wurde \u2014 verfasste Kritik an unserem zeitgen\u00f6ssischen Fokus auf Achtsamkeit hat nicht nur einen scharf-witzigen Titel mit spannendem Cover: es analysiert pr\u00e4zise die Urspr\u00fcnge [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":9316,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[5],"class_list":["post-84","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-inspirationen","tag-buchrezension"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/84","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9316"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=84"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/84\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":110,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/84\/revisions\/110"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=84"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=84"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=84"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}