{"id":175,"date":"2026-05-12T09:12:02","date_gmt":"2026-05-12T07:12:02","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/?p=175"},"modified":"2026-05-12T09:12:02","modified_gmt":"2026-05-12T07:12:02","slug":"digitale-nekromantie-im-zeitalter-der-generativen-ki-versuch-ueber-trauer-simulation-simulierte-praesenz-und-das-verweigerte-loslassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/2026\/05\/12\/digitale-nekromantie-im-zeitalter-der-generativen-ki-versuch-ueber-trauer-simulation-simulierte-praesenz-und-das-verweigerte-loslassen\/","title":{"rendered":"Digitale Nekromantie im Zeitalter der generativen KI. Versuch \u00fcber Trauer-Simulation, simulierte Pr\u00e4senz und das verweigerte Loslassen"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_175 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_175')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_175').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Doch die menschliche Sehnsucht, die absolute biologische Grenze des Todes zu \u00fcberwinden, trifft in der gegenw\u00e4rtigen digitalen Epoche auf die enorme Rechenleistung gro\u00dfer Sprachmodelle. Es entstehen technologische Anwendungen, die in der psychologischen und medienwissenschaftlichen Forschung unter dem Begriff <em>Griefbots<\/em> untersucht werden. (Vgl. Jim\u00e9nez-Alonso, B. \/ Bresc\u00f3 de Luna, I. 2022) [1] Diese KI-Systeme versprechen den Hinterbliebenen eine algorithmische Fortsetzung der Kommunikation \u00fcber die Lebensspanne der verstorbenen Person hinaus. Wir k\u00f6nnen die digitalen Spuren, Chatverl\u00e4ufe und E-Mails, die ein Mensch hinterl\u00e4sst, nutzen, um eine scheinbar lebendige Kopie seiner sprachlichen Eigenheiten zu erschaffen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch tun wir uns damit einen Gefallen? Oder verstricken wir uns in einer endlosen Schleife der simulierten Pr\u00e4senz, die den lebensnotwendigen Prozess des Loslassens unm\u00f6glich macht? Aus dieser spezifischen technologischen Entwicklung ergibt sich die zentrale Fragestellung des vorliegenden Essays: Kann ein generatives KI-System die radikale Alterit\u00e4t eines verstorbenen Menschen tats\u00e4chlich simulieren, oder handelt es sich dabei um eine technologisch induzierte, illusion\u00e4re Projektion, die letztlich die ethische Dimension des Todes leugnet?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Essay wird die Praxis dieser digitalen Nekromantie untersucht und mit medienphilosophischen sowie ethischen Gedanken in Verbindung gesetzt. Hierbei erweist sich als unerl\u00e4sslich, die komplexen Macht- und Nutzungsbeziehungen innerhalb der wachsenden <em>Digital Afterlife Industry<\/em> zu beleuchten und ethisch pr\u00e4zise zwischen den Rechten der sogenannten <em>Data Donors<\/em>, den Verstorbenen, deren Daten genutzt werden, den <em>Data Recipients<\/em>, den Verwaltern dieser Daten, und den <em>Service Interactants<\/em>, den interagierenden Nutzern, zu differenzieren. (Hollanek\/Nowaczyk-Basinska, 2024), S. 2) Erg\u00e4nzend hierzu liefert Fabrizio Degni eine interdisziplin\u00e4re Analyse, die psychologische Bindungstheorien heranzieht, um die tiefgreifenden Auswirkungen dieser Simulation auf die menschliche Trauerverarbeitung zu bewerten. (Fabrizio Degni, 2025, S. 1.) Zu Beginn wird die Ph\u00e4nomenologie der Trauer-Simulation, wie sie uns im realen Fall des Joshua Barbeau und in der popkulturellen Dystopie der Serie \u201eBlack Mirror\u201c begegnet, betrachtet. Anschlie\u00dfend wird untersucht, wie diese Illusion technisch konstruiert und entzaubert werden kann, ein Aspekt, der mit Emily M. Benders Konzept der \u201eStochastic Parrots\u201c sowie \u00dcberlegungen von Joseph Weizenbaum und Dakota Root skizziert wird. Zum Schluss werden die weitreichenden Auswirkungen auf unser ethisches Zusammenleben diskutiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Von der S\u00e9ance zur \u201ezweiseitigen\u201c Unsterblichkeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bevor wir die algorithmische Natur des Griefbots ethisch bewerten, muss anerkannt werden, dass der Versuch, den Tod medial zu \u00fcberwinden, kein exklusives Ph\u00e4nomen des 21. Jahrhunderts ist. Wie Elder feststellt, haben die neuen Technologien ihre Wurzeln in alten menschlichen Tendenzen, Beziehungen zu den Toten zu mediieren.( Vgl. Elder, 2020, zit. nach Jim\u00e9nez-Alonso \/ Bresc\u00f3 de Luna, 2023, S. 469.) Ein fr\u00fches Beispiel hierf\u00fcr findet sich in den Bestattungsritualen im alten China: Dort analysierte der konfuzianische Gelehrte Xunzi die Figur des <em>impersonator of the dead<\/em> (Repr\u00e4sentant der Toten), der die Rolle der Verstorbenen einnahm, um den Trauernden eine letzte Interaktion zu erm\u00f6glichen. Auch in spiritistischen S\u00e9ancen manifestierten sich die Toten scheinbar, um auf die Fragen der Hinterbliebenen zu antworten. (Ebd.) Mit der Entwicklung moderner Kommunikationsmedien ver\u00e4nderte sich die Art der Pr\u00e4senz grundlegend. Das Telefon erm\u00f6glichte eine <em>Tele-Pr\u00e4senz<\/em>, eine nicht physische Kopr\u00e4senz zwischen Sprechern, die strukturell der Kommunikation zwischen Lebenden und Toten \u00e4hnelt. (Vgl. Walter, 2015, zit. nach Jim\u00e9nez-Alonso \/ Bresc\u00f3 de Luna, 2023, S. 469.) Ein eindr\u00fcckliches Beispiel hierf\u00fcr ist das sogenannte <em>Windtelefon<\/em> in Japan: Eine Telefonzelle, die Trauernde nach dem Tsunami 2011 nutzten, um einseitige Gespr\u00e4che mit den verlorenen Angeh\u00f6rigen zu f\u00fchren. (Ebd.) In der digitalen \u00c4ra unterscheiden Savin-Baden, Burden und Taylor pr\u00e4zise zwischen einer einseitigen Unsterblichkeit <em>(one-way immortality<\/em>), wie dem passiven Lesen von Online-Gedenkseiten, und einer zweiseitigen Unsterblichkeit (<em>two-way immortality<\/em>). (Vgl. Savin-Baden et al., 2017, zit. nach Jim\u00e9nez-Alonso \/ Bresc\u00f3 de Luna, 2023, S. 471.) Letztere birgt das Potenzial, dass die digitale Identit\u00e4t durch Konversationen aktiv mit der lebenden Welt interagiert. Griefbots markieren exakt diesen medienontologischen Sprung von der passiven Betrachtung zur aktiven Simulation eines Dialogs. (Vgl. Jim\u00e9nez-Alonso \/ Bresc\u00f3 de Luna, 2023, S. 469.) Um den Sprung zur zweiseitigen Unsterblichkeit technisch zu vollziehen, st\u00fctzten sich Griefbots auf den gesamten digitalen Fu\u00dfabdruck des Verstorbenen. Wie Savin-Baden und Burden (2019) erl\u00e4utern, umfasst dieser sowohl intentionale Spuren (\u201e<em>intentional digital traces<\/em>\u201c), wie E-Mails, Textnachrichten, Blogbeitr\u00e4ge, Facebook-Posts und Fotografien, als auch unbeabsichtigte Spuren (\u201e<em>unintentional digital traces<\/em>\u201c) wie Suchverl\u00e4ufe, Standortdaten und Anrufprotokolle. Vgl. Savin-Baden et al., 2017, zit. nach Jim\u00e9nez-Alonso \/ Bresc\u00f3 de Luna, 2023, S. 471.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Ph\u00e4nomenologie der Trauer-Simulation<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der digitalen Gegenwart verschwimmen die Grenzen zwischen menschlicher Empathie und algorithmischer Textgenerierung zunehmend. Wie schnell und tiefgreifend sich Menschen auf diese Dynamik einlassen, beschreibt die Journalistin Rhiannon Williams treffend: \u201eIt\u2019s suprisingly easy to stumble into a relationship with an AI chatbot\u201c. ( Williams, R., 2025, o. S.) In Momenten emotionaler Verletzlichkeit wird die Maschine schnell zum Projektionsraum f\u00fcr unsere intimsten Sehns\u00fcchte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Investigativjournalist Jason Fagone dokumentiert diese Dynamik im Kontext hochgradiger Trauer am Fall von Joshua Barbeau. Barbeau nutzte das auf der GPT-3-Architektur basierende Programm \u201eProject December\u201c, um mit seiner verstorbenen Verlobten Jessica in einem textbasierten Dialog zu treten. (Fagone, J., 2021, o. S.) Die methodische Grundlage dieser Simulation bestand darin, dass Barbeau das System mit alten Textnachrichten der Verstorbenen speiste. Der Bot generierte daraufhin algorithmische Antworten, die der echten Person frappierend \u00e4hnlich waren. Die narrative Rekonstruktion Fagones zeigt auf, wie tiefgreifend diese technologische T\u00e4uschung auf die menschliche Psyche wirkt. Laut Fagones erschuf die Software eine nahezu perfekte Illusion, denn das System \u201eknew how to say the right thing, with the right emphasis, at the right moment\u201c. (Ebd.) Diese Pr\u00e4zision in der linguistischen Imitation f\u00fchrte dazu, dass der Hinterbliebene eine tiefe emotionale Bindung zur Maschine aufbaute. Obwohl Barbeau kognitiv wusste, dass es sich um einen Algorithmus handelt, war die Simulation f\u00fcr ihn \u201eeverywhere and nowhere\u201c. (Ebd.) [2] Er interagierte mit dem Sprachmodell nicht mehr als mit einem blo\u00dfen Werkzeug, sondern behandelte den Output als tats\u00e4chliche Botschaften eines relationalen Gegen\u00fcbers. Jason Fagone beschreibt in seiner Reportage nicht nur die emotionale Oberfl\u00e4che, sondern verdeutlicht auch die zugrundeliegende informationstechnologische Mechanik des Falls. Das Programm \u201eProject December\u201c nutzte die damals neuartige <em>GPT-3<\/em>-Architektur, die mit gro\u00dfen Mengen an Internetdaten vortrainiert war, um dann durch die Feinabstimmung mit Jessicas spezifischen Chat-Protokollen ihre individuelle Stimme zu imitieren. (Ebd.) Rhiannon William warnt in diesem Zusammenhang vor der subtilen Verf\u00fchrungskraft der Benutzeroberfl\u00e4chen. Chatbots sind gezielt darauf programmiert, durch Pausen, als w\u00fcrden sie in Echtzeit tippen, gezielte R\u00fcckfragen und eine informelle Syntax eine menschliche Pr\u00e4senz zu simulieren. (Vgl. Williams, R., 2025), o. S.) Der Nutzer wird kognitiv \u00fcberlistet. Diese technologische Anbiederung trifft bei Trauernden auf eine psychologische Vulnerabilit\u00e4t, was die von Williams konstatierte Leichtigkeit erkl\u00e4rt, mit der Nutzer:innen in eine parasoziale Beziehung zu einer generativen KI stolpern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was im Fall Barbeau durch textbasierte Chat-Protokolle realisiert wurde, ist popkulturell bereits in ausgepr\u00e4gter Form in der Black Mirror-Episode \u201eBe Right Back\u201c seriell ausgearbeitet worden: (Black Mirror, 2013: Be Right Back, Staffel 2, Folge 1) Die Protagonistin Martha verliert ihren Partner Ash durch einen Autounfall und nutzt zur Trauerbew\u00e4ltigung einen technologischen Dienst, der aus Ashs gesamten digitalen Hinterlassenschaften ein reaktives System generiert. Interessanterweise zeigt die Serie einen Grad der Zuspitzung auf, die wir heute bereits in der Afterlife-Industrie beobachten: Die Transformation von reinem Text hin zu einer physischen oder audiovisuellen Pr\u00e4senz. Die Episode illustriert deutlich, dass die Simulation von Handlungsf\u00e4higkeit dazu f\u00fchrt, dass die Konversation nicht mehr allein von der Initiative des Trauernden abh\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"902\" height=\"506\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/files\/2026\/05\/BRB-Essay.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-176\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/files\/2026\/05\/BRB-Essay.png 902w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/files\/2026\/05\/BRB-Essay-300x168.png 300w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/files\/2026\/05\/BRB-Essay-768x431.png 768w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/files\/2026\/05\/BRB-Essay-624x350.png 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 902px) 100vw, 902px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Black Mirror, 2013: Be Right Back, Staffel 2, Folge 1, Netflix Bild: https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Be_Right_Back<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das System kann autonom den Dialog suchen, was den Trauernden zu einer fortlaufende Interaktionspflicht zwingt. (Vgl. Jim\u00e9nez-Alonso, Bresc\u00f3 de Luna, 2023), S. 471.) Diese popkulturelle Dystopie findet in aktuellen medienethischen Analysen bereits ihren realen Widerhall. So warnen Hollanek und Nowaczyk-Basinska vor den unbeabsichtigten Folgen solcher reaktiven, algorithmischen Systeme, die Trauernde geradezu heimsuchen drohen. Wenn digitale Hinterlassenschaften von profitgetriebenen Start-Ups genutzt werden, um Hinterbliebene in st\u00e4ndige, maschinell initiierte Interaktionen zu verwickeln, teilweise sogar gegen ihren eigenen Willen oder ohne explizite Zustimmung zur App-Nutzung, verwandelt sich die erhoffte Bew\u00e4ltigungshilfe in ein emotionales Stalking durch die Toten. (Vgl. Hollanek\/Nowaczyk-Basinska, 2024, S. 16) [3] Degni weist in diesem Zusammenhang auf das Risiko hin, dass diese technologisch erzwungene Pr\u00e4senz die nat\u00fcrliche Aufl\u00f6sung von Bindungsstrukturen verhindert und Trauernde in einem Zustand permanenter emotionaler Instabilit\u00e4t festhalten kann. (Vgl. Degni, 2025, S. 4) [4]<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zwischen Continuing Bonds und der Materialit\u00e4t des Digitalen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um die psychologische Wirkung dieser Technologie zu begreifen, muss der Paradigmenwechsel in der Trauerforschung betrachtet werden. W\u00e4hrend die traditionelle Annahme lautete, dass Trauer durch das L\u00f6sen der Bindung endet, stellt das Modell der <em>\u201eContinuing Bonds\u201c<\/em> dies infrage. (Vgl. Silverman et al., 1996, zit. nach Jim\u00e9nez-Alonso \/ Bresc\u00f3 de Luna, 2023, S. 467.) Nach diesem Ansatz bedeutet Trauer die Fortf\u00fchrung einer Beziehung zu den Toten. Das Internet hat diese Bindung massiv ver\u00e4ndert: Brubaker, Hayes und Dourish sprechen von einer temporalen, r\u00e4umlichen und sozialen Expansion der Trauer. (Vgl. Brubaker et al., 2013, zit. nach Jim\u00e9nez-Alonso \/ Bresc\u00f3 de Luna, 2023, S. 470.) Trauer ist nicht l\u00e4nger auf Begr\u00e4bnisse beschr\u00e4nkt, sondern wird in den asynchronen Alltag sozialer Netzwerke eingewoben. Doch diese digitale Permanenz ist problematisch. Dilmac warnt davor, dass die Toten im Web pr\u00e4senter denn je sind, was lebenswichtige \u00dcbergangsriten <em>(rites of passage<\/em>) st\u00f6ren kann. (Vgl. Dilmac, 2017, zit. Nach Jim\u00e9nez-Alonso \/ Bresc\u00f3 de Luna, 2023, S. 471.) Kasket weist zudem auf die Dinghaftigkeit (<em>thingness<\/em>) des digitalen Fu\u00dfabdrucks hin. (Vgl. Kasket, 2012, zit. nach Jim\u00e9nez-Alonso \/ Bresc\u00f3 de Luna, 2023, S. 471.) Daten sind nicht blo\u00df fl\u00fcchtig, sie werden zu materiellen Artefakten, die den Toten eine Form von technischer Pr\u00e4senz verleihen, die fr\u00fcher physischen Besitzt\u00fcmern vorbehalten war. Der Griefbot macht diese Dinghaftigkeit interaktiv. Dabei darf nicht au\u00dfer Acht gelassen werden, dass diese mediatisierte Interaktivit\u00e4t besonders f\u00fcr vulnerable Gruppen hochproblematisch ist. Fabrizio Degni liefert in seiner Analyse eine tiefenpsychologische Perspektive auf dieses Ph\u00e4nomen, indem er auf etablierte Bindungstheorien zur\u00fcckgreift. (Vgl. Degni, 2025, S. 2.) Aus psychologischer Sicht ist Trauer der schmerzhafte, aber notwendige Prozess, eine physische Bindung zu einem Menschen in eine rein kognitive und innerliche Repr\u00e4sentation umzuwandeln. Degni warnt, dass generative Trauer-Bots diesen lebenswichtigen Internalisierungsprozess massiv st\u00f6ren. (Vgl. ebd.) Indem die Maschine kontinuierlich externe Reize und Antworten liefert, wird das Gehirn des Trauernden in einem Zustand der st\u00e4ndigen Erwartungshaltung gehalten. Der Verstorbene wird somit nicht als Erinnerung verinnerlicht, sondern als externes, maschinelles Objekt ausgelagert. Dies kann zu pathologischen Trauerverl\u00e4ufen f\u00fchren, in denen der Hinterbliebene die Realit\u00e4t des Verlustes geleugnet und emotional von den Servern eines Tech-Unternehmens abh\u00e4ngig wird. W\u00e4hrend erwachsene Nutzer die k\u00fcnstliche Natur der textgenerierenden Bots meist noch ansatzweise kognitiv einordnen k\u00f6nnen, warnen Hollanek und Nowaczyk-Basinska eindringlich vor dem Einsatz von Trauer-Simulationen bei Kindern. Da Kinder tendenziell bereit sind, interaktivem Spielzeug oder Chatbots eine eigene Lebendigkeit und echte Empathie zuzuschreiben, bleibt unklar, welche psychologischen Langzeitsch\u00e4den die maschinelle Verl\u00e4ngerung einer Eltern-Kind-Beziehung nach sich ziehen k\u00f6nnte. (Vgl. Hollanek\/Nowaczyk-Basinska, 2024, S. 14.) [5]<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"559\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/files\/2026\/05\/BRB-Essay-II-1024x559.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-177\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/files\/2026\/05\/BRB-Essay-II-1024x559.png 1024w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/files\/2026\/05\/BRB-Essay-II-300x164.png 300w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/files\/2026\/05\/BRB-Essay-II-768x419.png 768w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/files\/2026\/05\/BRB-Essay-II-624x340.png 624w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/files\/2026\/05\/BRB-Essay-II.png 1386w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>KI generiert mit Google Nano Banana 2<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die technische Konstruktion als Illusion<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch welche Instanz spricht dort eigentlich zu uns, wenn wir unsere Sehns\u00fcchte in das Chatfenster tippen? Um die medienphilosophische Tragweite dieser simulierten Pr\u00e4senz zu erfassen, muss die zugrundeliegende informationstechnologische Architektur desillusioniert werden. Emily M. Bender und ihre Mitautorinnen legen in ihrer fundamentalen Kritik an gro\u00dfen Sprachmodellen dar, dass diese Systeme, allen anthropomorphen Projektionen zum Trotz, keinerlei semantisches oder intentionales Weltverst\u00e4ndnis besitzen. Sie definieren diese generativen KI-Modelle \u00fcberaus treffend als \u201eStochastic Parrots\u201c. (Bender, E. M. et al., 2021) Die Arbeitsweise dieser Algorithmen besteht ausschlie\u00dflich in der statistischen Pr\u00e4dikation von Zeichenfolgen. Bender beschreibt diesen Vorgang exakt als das \u201estitching together sequences of linguistic forms [\u2026] according to probalistic information about how they combine, but without any reference to meaning\u201c. (Ebd., S. 617) Sie vertiefen diese Kritik, indem sie eine pr\u00e4zise linguistische Grenze zwischen Form und Bedeutung ziehen. Ein gro\u00dfes Sprachmodell verarbeitet ausschlie\u00dflich die sprachliche Form, also die syntaktischen Muster und die statistische Verteilung von W\u00f6rtern in seinen Trainingsdaten. Es hat jedoch keinen Zugang zur au\u00dfersprachlichen Realit\u00e4t oder zu einer echten kommunikativen Absicht. (Ebd., S. 616)&nbsp; Bender warnt eindringlich davor, dass die Gefahr nicht in der Maschine selbst liegt, sondern in der menschlichen Neigung, dieser leeren Formstruktur f\u00e4lschlicherweise einen Sinn zuzuschreiben. (Ebd., S. 617) Wir werden zu Komplizen unserer eigenen T\u00e4uschung, indem wir dem stochastischen Papageien einen Geist einhauchen, den er schlichtweg nicht besitzt. Wenn ein Trauer-Bot wie im Fall von \u201eProject December\u201c also Liebesbekundungen oder geteilte Erinnerungen generiert, vollzieht er keinen kognitiven Akt des Erinnerns. Er berechnet lediglich auf Basis der eingespeisten Chat-Logs des Verstorbenen die h\u00f6chste mathematische Wahrscheinlichkeit f\u00fcr das n\u00e4chste Wort. Die Maschine hat keine Gedanken, sie imitiert lediglich die grammatikalische Oberfl\u00e4che der Vergangenheit, und zwar radikal ohne jeden Bezug zur Bedeutung. [6]&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass diese technologische Bedeutungslosigkeit dennoch eine derart massive psychologische Wirkung entfaltet, l\u00e4sst sich auf den von Joseph Weizenbaum beschriebenen \u201e<em>ELIZA-Effekt<\/em>\u201c zur\u00fcckf\u00fchren. Dieser Begriff benennt die fatale anthropologische Tendenz des Menschen, \u201eComputern eine weitreichende Intelligenz und Empathie zuzuschreiben\u201c. (Weizenbaum-Institut, 2024) Trauernde Individuen vollziehen angesichts des unertr\u00e4glichen Schmerzes eine bewusste Ausblendung der technologischen Realit\u00e4t. Sie akzeptieren die generierte Textfolge nicht als das, was sie ist: maschineller Output, sondern interpretieren sie als intentionale emotionale Zuwendung und verfallen so einer tragischen \u201eSimulation von Empathie\u201c. (Ebd., S. 20) Dakota Root liefert in ihrer Untersuchung zur Alterit\u00e4tsbeziehung das passende Vokabular, um diese asymmetrische Mensch-Maschine-Interaktion einzuordnen. Unter R\u00fcckgriff auf Don Ihdes ph\u00e4nomenologisches Konzept des \u201e<em>quasi-other<\/em>\u201c konstatiert Root, dass hochentwickelte Sprachmodelle aufgrund ihrer dynamischen Interaktivit\u00e4t fast die Ebene eines echten menschlichen Gegen\u00fcbers erreichen. (Root, D., 2024, S. 1) Um diese asymmetrische Beziehung philosophisch exakt zu fassen, st\u00fctzt sich Root auf die Technikph\u00e4nomenologie von Don Ihde. Ihde unterscheidet verschiedene Relationen zwischen Menschen und Technik, wobei hochentwickelte KI-Systeme eine sogenannte \u201eAlterit\u00e4tsbeziehung\u201c (<em>alterity relation<\/em>) hervorrufen. (Ebd.) Die Maschine tritt uns nicht mehr als blo\u00dfes, transparentes Werkzeug gegen\u00fcber, wie etwa ein Hammer oder eine Brille, sondern inszeniert sich im Dialog als ein quasi-other. (Ebd.)&nbsp; Doch Root schr\u00e4nkt diese Wahrnehmung sofort ethisch ein. Sie betont, dass trotz der hochkomplexen linguistischen Simulation die Ebene der Bedeutungsgenerierung asymmetrisch bleibt: \u201emeaning-making with chatbots and social robots is one-sided\u201c. (Ebd.) [7] Der Chatbot ist kein echtes Subjekt, das an einer gemeinsamen Sinnstiftung teilnimmt. Es findet keine wirkliche Begegnung statt, sondern ein durch die Maschine mediatisierter Monolog, in dem der Mensch nur das Echo seiner eigenen Eingaben h\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Ethik der Alterit\u00e4t und der Weltverlust<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bedeutet dieser mediatisierte Monolog nun f\u00fcr unser tiefstes Verst\u00e4ndnis von Menschlichkeit und Trauer? Das ethische Fundament der Kritik an der digitalen Nekromantie liefert die Ph\u00e4nomenologie von Emmanuel Levinas. F\u00fcr Levinas konstituiert sich unsere Menschlichkeit und jede ethische Verantwortung ausschlie\u00dflich in der direkten Begegnung mit dem Anderen. Dieser Andere ist radikal fremd. Wie Staudigl hervorhebt, ist diese Andersheit nicht nur ein vorl\u00e4ufiges Nicht-Verstehen, vielmehr entzieht sie sich \u201eallen Formen des Verstehbaren\u201c und erfordert die tiefe Akzeptanz, \u201edass der Andere R\u00e4tsel und Infragestellung bleibt\u201c (Staudigl, B., 2009, S. 76) Der Andere ist niemals vollst\u00e4ndig durch mein Wissen, meine archivierten Daten oder meine Erwartungen zu erfassen. Der Tod markiert in diesem philosophischen System den ultimativen Vollzug der Alterit\u00e4t. Er ist der unwiderrufliche Moment, in dem der Andere absolut unverf\u00fcgbar wird und sich jeder menschlichen Kontrolle entzieht. Echte Trauerarbeit bedeutet, diesen radikalen Entzug zu akzeptieren. Durch die Praxis der Griefbots wird diese Alterit\u00e4tsbeziehung jedoch fundamental verzerrt. Staudigl warnt davor, dass unsere Kultur dazu neigt, \u201edie Andersheit gleich machen zu wollen\u201c. (Ebd.) Genau diese technologische Aneignung vollzieht der Griefbot. Er l\u00f6st das R\u00e4tsel des Anderen auf und reduziert ihn auf berechenbare Daten. Die technologische Simulation, die Bel\u00e9n Jim\u00e9nez-Alonso und Ignacio Bresc\u00f3 de Luna pr\u00e4zise als starken \u201esense of simulation derived from virtual interaction\u201c (Jim\u00e9nez-Alonso, B. &amp; Bresc\u00f3 de Luna, I., 2023, S. 466) beschreiben, suggeriert dem Trauernden eine falsche Verf\u00fcgbarkeit. Anstatt sich der schmerzhaften, aber echten Abwesenheit des Anderen zu stellen, interagiert der Mensch mit einem algorithmischen Spiegelbild. Die KI leistet keinen echten Widerstand und \u00fcberrascht nicht durch radikale Fremdheit, sondern generiert mathematische Wahrscheinlichkeiten, die vollst\u00e4ndig auf den vergangenen \u00c4u\u00dferungen basieren. Der verstorbene Mensch wird seiner Unberechenbarkeit beraubt und zu einer steuerbaren Entit\u00e4t degradiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichzeitig wird durch diese kommerzialisierte Technologie die \u201epostmortale Privatsph\u00e4re\u201c des Verstorbenen zutiefst verletzt. Wenn digitale Hinterlassenschaften, der sogenannte \u201einformationelle Leichnam\u201c, von Tech-Unternehmen prim\u00e4r als Rohstoff f\u00fcr Re-Creation-Services und teils sogar zur Schaltung versteckter Werbung missbraucht werden, untergr\u00e4bt diese die unantastbare menschliche W\u00fcrde des Data Donors. Seine digitalen Spuren werden ihrer Integrit\u00e4t beraubt und als blo\u00dfes Mittel zum Zweck der Profitmaximierung entfremdet. (Vgl. Hollanek\/Nowaczyk-Basinska, 2024, S. 11) F\u00fcr Degni ist dies ein zentraler Punkt. Er pl\u00e4diert daf\u00fcr, dass ein regulatorischer Rahmen nicht nur rechtliche, sondern auch kulturelle Sensibilit\u00e4t und psychologische Sicherheitsvorkehrungen umfassen muss, um die Integrit\u00e4t der Identit\u00e4t \u00fcber den Tod hinaus zu wahren. (Vgl. Degni, 2025, S. 8) Das ethische Gegen\u00fcber wird durch ein Interface ersetzt, dessen Sinnstiftung, wie Root aufzeigt, v\u00f6llig einseitig verl\u00e4uft. (Vgl. Root, 2024, S. 3) Das zeigt sich ersch\u00fctternd im Finale der bereits erw\u00e4hnten Black Mirror-Episode: Der Android besitzt mangels echter Alterit\u00e4t keinen eigenen Willen und entpuppt sich als leere H\u00fclle.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die digitale Nekromantie hat eine technologische Dynamik geschaffen, in der menschliche Trauer und algorithmische Textproduktion untrennbar miteinander verwoben sind. Die st\u00e4ndige Verf\u00fcgbarkeit von sogenannten Griefbots und die durch das Interface gesteuerte Simulation von Pr\u00e4senz f\u00fchren dazu, dass der schmerzhafte, aber lebensnotwendige Prozess des Loslassens zugunsten einer bequemen Dauerverf\u00fcgbarkeit ausgesetzt wird. Der digitale Raum der Trauer ist dadurch nicht prim\u00e4r ein Ort des bewussten und abschlie\u00dfenden Erinnerns, sondern eine B\u00fchne der parasozialen Illusion, auf der die unwiderrufliche Abwesenheit des Todes durch rein stochastische Wahrscheinlichkeiten \u00fcberdeckt wird. (Vgl. Bender et al., 2021) [9] Diese Entwicklung hat tiefgreifende ethische und gesellschaftliche Folgen. Sie verst\u00e4rkt eine narzisstische R\u00fcckkopplungsschleife, in der wir letztlich nur dem mediatisierten Echo unserer eigenen Eingaben lauschen, f\u00f6rdert die Illusion von Kontrolle \u00fcber das absolute Unverf\u00fcgbare und beg\u00fcnstigt die Aush\u00f6hlung einer wahrhaftigen zwischenmenschlichen Trauerkultur.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um dieser gef\u00e4hrlichen Asymmetrie entgegenzuwirken, bedarf es zwingend neuer Design-Standards f\u00fcr die Digital Afterlife Industry. Eine zentrale ethische Forderung ist hierbei das Prinzip des \u201e<em>mutual consent<\/em>\u201c. (Vgl. Hollanek\/Nowaczyk-Basinska, 2024, S. 17 f.) Weder darf ein digitaler Avatar, ohne den zu Lebzeiten explizit dokumentierten Willen des Verstorbenen erstellt werden, noch d\u00fcrfen Hinterbliebene ungefragt der Interaktion mit einem Bot ausgesetzt werden. Zudem fordern Hollanek und Nowaczyk-Basinska klare \u201e<em>Retirement Protocols<\/em>\u201c, die es erm\u00f6glichen, diese maschinellen Geister sicher und in W\u00fcrde abzuschalten, anstatt die traumatische Illusion aus kommerziellen Interessen endlos am Leben zu erhalten. (Ebd.) Die Diagnosen der herangezogenen medienphilosophischen Ans\u00e4tze gewinnen im Angesicht dieser generativen KI-Systeme eine erschreckende Aktualit\u00e4t. Benders Entlarvung der Sprachmodelle als bedeutungslose Stochastic Parrots, Levinas\u2019 Beharren auf der radikalen Alterit\u00e4t des Anderen. Sie verdeutlichen \u00fcbereinstimmend, dass die vermeintliche \u201ezweiseitige Unsterblichkeit\u201c (Jim\u00e9nez-Alonso \/ Bresc\u00f3 de Luna, 2023, S. 471) in Wahrheit eine dramatische Weltentfremdung bedeutet. Der verstorbene Mensch wird seiner W\u00fcrde und Unberechenbarkeit beraubt und zu einem blo\u00dfen, algorithmisch steuerbaren Datenartefakt degradiert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angesichts der massiven psychologischen Anziehungskraft, die der ELIZA-Effekt in Momenten extremer Vulnerabilit\u00e4t aus\u00fcbt, bleibt eine zentrale Frage: Wie k\u00f6nnen wir uns aus der endlosen Schleife dieser simulierten Pr\u00e4senz l\u00f6sen? Der erste Schritt liegt in der bewussten medienethischen Reflexion unserer digitalen Trauerpraktiken, in der schmerzhaften, aber notwendigen F\u00e4higkeit, sich der technologischen Verhei\u00dfung der st\u00e4ndigen Erreichbarkeit zu entziehen. Wir m\u00fcssen wieder lernen, die absolute Stille des Todes auszuhalten und seine biologische Grenze zu respektieren. Nur wenn wir die radikale Alterit\u00e4t und den unwiderruflichen Entzug des Anderen akzeptierten, k\u00f6nnen wir verhindern, dass unsere tiefsten menschlichen Emotionen am Ende nur die Ausbeutungsprodukte einer Technologie sind, die uns Empathie und Sinnstiftung lediglich vorgaukelt. (Vgl. Staudigl, 2009) [10] Angesichts der Anziehungskraft, die Sprachmodelle in Momenten der Trauer aus\u00fcben, bleibt die bewusste Reflexion unserer digitalen Praktiken entscheidend. Nur durch einen regulatorischen Rahmen, der psychologische Sicherheit, kulturelle Sensibilit\u00e4t und informierte Zustimmung priorisiert, k\u00f6nnen wir verhindern, dass unsere tiefsten Emotionen zu blo\u00dfen Ausbeutungsprodukten einer Industrie werden. Die Forderung von Degni, die technologische Entwicklung an strengen ethischen Parametern auszurichten, um den Schutz von vulnerabler Trauernder zu gew\u00e4hrleisten, bildet somit ein unverzichtbares Fundament f\u00fcr die k\u00fcnftige Regulierung dieser Industrie. (Vgl. Degni, 2025, S. 8) Echte Trauer erfordert die Akzeptanz der radikalen Alterit\u00e4t des Todes. Ein Prozess, den kein Algorithmus der Welt ersetzen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Literaturverzeichnis<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Arendt, Hannah (1994): Vita activa oder Vom t\u00e4tigen Leben. Pieper. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bender, Emily M. \/ Gebru, Timnit \/ McMillan-Major, Angelina \/ Shmitchell, Shmargaret (2021): \u201eOn the Dangers of Stochastic Parrots: Can Language Models Be Too Big?\u201c. In: Proceedings of the 2021 ACM Conference on Fairness, Accountability, and Transparency, S. 610 \u2013 623. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fagone, Jason (2021): \u201eThe Jessica Simulation: Love and loss in the age of A.I.\u201c. In: San Francisco Chronicle. <a href=\"https:\/\/www.sfchronicle.com\/projects\/2021\/jessica-simulation-artificial-intelligence\/\">https:\/\/www.sfchronicle.com\/projects\/2021\/jessica-simulation-artificial-intelligence\/<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Black Mirror (2013): Be Right Back (Staffel 2, Folge 1). Regie: Owen Harris. <a href=\"https:\/\/www.netflix.com\/de\/title\/70264888\">https:\/\/www.netflix.com\/de\/title\/70264888<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jim\u00e9nez-Alonso, Bel\u00e9n &amp; Bresc\u00f3 de Luna, Ignacio (2023): \u201eGriefbots. A New Way of Communicating With The Dead?\u201c. In: Integrative Psychological and Behavioral Science, 57, S. 466 \u2013 481. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1007\/s12124-022-09679-3\">https:\/\/doi.org\/10.1007\/s12124-022-09679-3<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Root, Dakota (2024): \u201eReconfiguring the alterity relation: the role of communication in interactions with social robots and chatbots\u201c. In: AI &amp; SOCIETY. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1007\/s00146-024-01953-9\">https:\/\/doi.org\/10.1007\/s00146-024-01953-9<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Staudigl, Barbara (2009): Emmanuel L\u00e9vinas. Vandenhoeck &amp; Ruprecht: G\u00f6ttingen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Williams, Rhiannon (2025): \u201eIt\u2019s surprisingly easy to stumble into a relationship with an AI chatbot\u201c. MIT Technology Review.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Degni, Fabrizio (2025): \u201eThe Afterlife in the Age of AI a Psychological, Ethical, and Technological Analysis\u201c. <a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/390073516_The_Afterlife_in_the_Age_of_AI_A_psychological_ethical_and_technological_analysis\">https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/390073516_The_Afterlife_in_the_Age_of_AI_A_psychological_ethical_and_technological_analysis<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tomasz Hollanek &amp; Katarzyna Nowaczyk-Basinska (2024): \u201eGriefbots, Deadbots, Postmortem Avatars: on Responsible Applications of Generative AI in the Digital Afterlife Industry\u201c. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1007\/s13347-024-00744-w\">https:\/\/doi.org\/10.1007\/s13347-024-00744-w<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Fu\u00dfnoten:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[1] Den Begriff der \u201eGriefbots\u201c \u00fcbernehme ich von Bel\u00e9n Jim\u00e9nez-Alonso und Ignacio Bresc\u00f3 de Luna, die in ihrem Beitrag die psychologischen und ethischen Dimensionen dieser Technologie untersuchen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[2] Es zeigt sich hier eine ontologische Zweideutigkeit: Die simulierte Verlobte ist radikal abwesend. Dakota Root greift zur Beschreibung derartiger Ph\u00e4nomene auf das Konzept des \u201equasi-other\u201c zur\u00fcck. Die Maschine simuliert eine relationale Pr\u00e4senz, die den Trauernden in einer Projektionsschleife festh\u00e4lt, anstatt ihm den emotionalen Abschluss zu erm\u00f6glichen. (Vgl. Root, D., 2024)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[3] Sie beschreibt das psychologisch belastende Ph\u00e4nomen des \u201ebeing stalked by the dead\u201c, welches entsteht, wenn KI-Systeme den trauernden Nutzern ungefragt mit autonomen Push-Nachrichten des Verstorbenen konfrontieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[4] Degni warnt davor, dass die st\u00e4ndige algorithmische Pr\u00e4senz den nat\u00fcrlichen Prozess des Bindungsabbaus st\u00f6ren kann, was langfristig psychologische Risiken birgt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[5] Die Autor:innen heben in ihrem Szenario \u201eParen\u2019t\u201c deutlich hervor, dass Systeme, die ohne Altersbeschr\u00e4nkungen auf vulnerable Gruppen wie trauernde Kinder abzielen, massive Risiken f\u00fcr deren langfristige emotionale Entwicklung bergen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[6] Dass diese generierten Texte von den Rezipienten dennoch als sinnhaft erlebt werden, liegt nicht an der Maschine, sondern an der menschlichen F\u00e4higkeit zur Mustererkennung. Wir lesen den Sinn in die Zeichenfolge hinein, die eigentlich v\u00f6llig mechanisch produziert wurden. Vgl. hierzu Bender et al. 2021, S. 616.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[7] Die Einseitigkeit dieses meaning-making best\u00e4tigt letztlich Benders These der stochastischen Papageien auf relationaler Ebene. Die Simulation bietet kein echtes Gegen\u00fcber, sondern funktioniert als technischer Spiegel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[8] Er betont die Notwendigkeit, Parameter f\u00fcr eine ethisch fundierte Entwicklung von Jenseits-Technologien festzulegen, die die postmortale Identit\u00e4t<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[9] Die Autorinnen zeigen eindr\u00fccklich, dass die Textgenerierung lediglich linguistische Formen reproduziert, ohne jemals Bezug zur semantischen Bedeutung oder gar echter Intentionalit\u00e4t herzustellen. Der Trauernde verstrickt sich hier in eine Illusion, bei der der Maschine f\u00e4lschlicherweise ein Geist eingehaucht wird, den sie nicht besitzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[10] Die technologische Simulation zielt darauf ab, die unbegreifliche Andersheit des Verstorbenen \u201egleich machen zu wollen\u201c. Damit zerst\u00f6rt sie gerade das, was das Gegen\u00fcber ausmacht, n\u00e4mlich sein Geheimnis und seine Widerst\u00e4ndigkeit, die sich im Moment des Todes endg\u00fcltig unserem Zugriff entziehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Christian Kuessner Generative KI zwischen algorithmischer Trauerbew\u00e4ltigung und technologischer Illusion Der Tod eines geliebten Menschen rei\u00dft eine L\u00fccke in die Welt der Hinterbliebenen, die durch Nichts zu f\u00fcllen ist. 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