{"id":146,"date":"2024-04-29T10:20:56","date_gmt":"2024-04-29T08:20:56","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/?p=146"},"modified":"2024-04-29T11:15:49","modified_gmt":"2024-04-29T09:15:49","slug":"vom-maschinellen-lernen-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/ethical-machines\/2024\/04\/29\/vom-maschinellen-lernen-lernen\/","title":{"rendered":"Vom Maschinellen Lernen lernen"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_146 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_146')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_146').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Die Gruppe spielte eine zentrale Rolle in der Entwicklung der maschinellen \u00dcbersetzung und viele ihrer Mitglieder wurden sp\u00e4ter zentrale Figuren in den Feldern, auf denen die moderne KI-Forschung basiert (vgl. Yorik 2000; 281 f.). Im Mittelpunkt der Forschungsgruppe stand Margaret Masterman, eine Sch\u00fclerin von Ludwig Wittgenstein, die die Gruppe konzeptionell grundlegend beeinflusste, vor allem hinsichtlich des Verh\u00e4ltnisses von W\u00f6rtern und Bedeutungen, sowie hinsichtlich der Rolle traditioneller Sprachlogik beim Codieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Ansichten lassen sich mit Wittgensteins <em>philosophischen Untersuchungen<\/em> n\u00e4her erl\u00e4utern. Dieser widerspricht zu Beginn seines Werkes Augustinus Vorstellung einer Sprache, die zentral auf Gegenstand-Begriff-Zusammenh\u00e4ngen basiert. Er entwickelt ein Sprachspiel, indem ein Gehilfe einem Meister verschiedene Baumaterialien holen soll. Die Sprache der beiden besteht allein aus diesen Materialien. Wittgenstein \u00fcberlegt, dass beim Nennen der Baumaterialien nicht ein Verstehen einer Begriffsbedeutung einsetzen w\u00fcrde, sondern allein eine Handlungsausf\u00fchrung. Der Gehilfe holt das verlangte Material. \u201eVersteht nicht der den Ruf \u201aPlatte!\u2018, der so und so nach ihm handelt?\u201c (Wittgenstein 2003; 15). Somit sei die Bedeutung, oder eher Funktion, des Wortes durch den Kontext seiner Verwendung und seines Erlernens bestimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>In der traditionellen Logik vertreten W\u00f6rter Konzepte. Sie erm\u00f6glichen es, diese in S\u00e4tzen miteinander zu verbinden, wobei \u00fcber allem die Frage nach dem richtig und falsch steht. Aber inwiefern kann \u2013 mit dem Wittgensteinschen Sprachspiel im Hinterkopf \u2013denn bei einem kontextlosen Satz Wahrheit eine Rolle spielen, wenn dessen gesamte Bedeutung eigentlich vom Kontext abh\u00e4ngt? Nat\u00fcrlich zeigt sich hier auch die Differenz zwischen logischer Sprachnutzung und Alltagssprache (auch der Alltagssprache von Meister und Gehilfen), aber daraus kann wiederum die Frage abgeleitet werden, inwiefern logische Sprache auch nur in ihrem eigenen akademischen Kontext funktioniert\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zu Margaret Masterman. Sie hat sich in der CLRU die Aufgabe gestellt, die philosophischen Grundlagen der maschinellen \u00dcbersetzung von Alltagssprache aufzustellen. In ihrem fr\u00fchen Aufsatz \u201eWords\u201c (Masterman 1954) wird deutlich, wie ein rein logischer Ansatz hier nicht weiterkommt. Dazu nutzt sie folgendes Beispiel:<\/p>\n\n\n\n<p>S.: It does not seem to be invariably the case that from I know that p there follows p<\/p>\n\n\n\n<p>T.: What ? ? ? [\u2026]&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Beispiel bezieht sich auf eine englische Verwendung von \u201eknow\u201c, die wohl im Deutschen mit einem \u201eIch h\u00e4tte schw\u00f6ren k\u00f6nnen, dass p\u201c deutlich eindeutiger w\u00e4re. Im Englischen ist allerdings der Logiker T h\u00f6chst verwirrt, da f\u00fcr ihn Wissen eine faktische Gegebenheit voraussetzt. S. bezieht sich aber, so Masterman, auf eine untypischere, aber reale Verwendungsweise von \u201eknow\u201c (Vgl. Masterman 1954; 228).<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn eine \u00dcbersetzungsprogramm ein Wort in eine andere Sprache \u00fcbertragen will, wird es mit den Bedeutungsambiguit\u00e4ten der Sprache konfrontiert. \u201eknow\u201c ist nicht immer \u201ewissen\u201c, wie es ein Logiker verwenden w\u00fcrde. Die Bedeutung wird allerdings eindeutiger, so mehr sprachlicher Kontext vorhanden ist. Die Verwendung von \u201eknow\u201c im Beispiel wird klarer, wenn es beispielsweise um eine vergessliche Person geht, die nach ihrem Wohnungsschl\u00fcssel sucht. Mastermans zentrale Erkenntnis aus dem Aufsatz ist die, dass eine Bedeutungseindeutigkeit nur bei unendlich viel Kontext als vollst\u00e4ndig eindeutig bewertet werden k\u00f6nne, in Mastermans Worten: \u201eonly in the case of an infnitely long sequence would zero indeterminatess be attained\u201c (Masterman 1954; 232).<\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl Wittgensteins Sprachspiele als auch Mastermans Aufsatz zeigen spannende Aspekte der allt\u00e4glichen Sprachverwendung auf. L\u00e4sst sich vielleicht etwas vom maschinellen Lernen lernen, wenn es um die Beziehung von W\u00f6rtern und Konzepten geht?<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders in geisteswissenschaftlichen F\u00e4chern stellen die Definition und der Diskurs um Fachw\u00f6rter und ihre Definitionen einen zentralen Teil der Wissenschaftlichkeit der F\u00e4cher da. Begriffsnetze werden durch Definitionen hergestellt und auch Alltagsw\u00f6rter in einer ihrer vielen Facetten festgelegt, um f\u00fcr das Forschungsfeld den Gegenstand zu vereinheitlichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Oft entsteht aber auch durch diese Fachsprachen-Fokussierung eine Zugangsschwierigkeit zum Fachdiskurs, der sich dann oft auch an Definitionsdifferenzen aufh\u00e4lt. Wenn ein Fachbegriff durch die Kombination zweier Fachbegriffe definiert wird usw., f\u00fchrt die gesamte Sprachfestlegung zu einem in sich geschlossenen System, dass wenig Aussage \u00fcber die Welt au\u00dferhalb sich selber treffen kann. Es ist praktisch in einem selbst produzierten sprachlichen Hamsterrad stecken geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich behaupte, dass die akademische Sprachverwendung durchaus etwas von den Wittgensteinschen und Mastermanschen Grundlagen der maschinellen \u00dcbersetzung lernen kann. Fachsprache basiert, wie auch logische Sprache, auf Alltagssprache. W\u00f6rter sind immer uneindeutig gegen\u00fcber Bedeutungen. Kontext, wie Beispiele, helfen beim Verst\u00e4ndnis und lenken die unendlichen Bedeutungsm\u00f6glichkeiten in engere Bahnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Masterman war ebenfalls der Meinung, dass ein Thesaurus eine viel bessere Basis f\u00fcr maschinelles Lernen liefern w\u00fcrde als ein W\u00f6rterbuch (vgl. Wilks 2000; 287). In einem W\u00f6rterbuch werden Definitionen, um alphabetisch sortierte W\u00f6rter zu beschreiben. Ein Thesaurus ist wiederum nach inhaltlichen Kategorien sortiert, also nach Kontexten. Ein Computer kann nur deshalb einen Satz \u00fcbersetzen, weil er es in der richtigen Kategorie wiederfindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Was nehme ich aus meiner Besch\u00e4ftigung mit Wittgenstein und Masterman mit? Dass es sprachontologisch gar nicht so sinnvoll ist, sich mit der exakten logischen Konstruktion einer Definition auseinanderzusetzen, sondern dass ein Kontext, ein Beispiel, eine Einordnung ein viel sinnvollerer Wegweiser zum Gemeinten darstellen kann. Die Einsicht der Ambiguit\u00e4t von Sprache kann nicht nur Google \u00dcbersetzer helfen, sondern auch vielen akademischen Diskursen. <\/p>\n\n\n\n<p>Von Henrik Laufer<\/p>\n\n\n\n<p>Quellen:<\/p>\n\n\n\n<p>Masterman, Margaret (1954): XI. \u2013 Words. In: Proceedings of the Aristotelian Society Volume 54, Issue 1, 1 Juli 1954. o.V. (S. 209-232)<\/p>\n\n\n\n<p>Wittgenstein, Ludwig (2003): Philosophische Untersuchungen. Hg. v. Joachim Schulte. Erste Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag (Bibliothek Suhrkamp Band 1372).<\/p>\n\n\n\n<p>Wilks, Yorik (2000): Margaret Masterman. In: Early Years in Machine Translation. Hg. V.: W. John Hutchins. Amsterdam: John Benjamin B. V. (Amsterdam Studies in the Theory and History of Linguistic Science, Series III Studies in the history of language Science Volume 97).<\/p>\n\n\n\n<p>Bildquelle:<\/p>\n\n\n\n<p>Abbildung 1: <a href=\"https:\/\/www.derstandard.de\/story\/2000104884076\/margaret-hamilton-sie-schoss-die-maenner-auf-den-mond\">https:\/\/www.derstandard.de\/story\/2000104884076\/margaret-hamilton-sie-schoss-die-maenner-auf-den-mond<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201elogic is magnificent, but no guide to language\u201d&nbsp; \u2013 Yorik Wilks \u00fcber Margaret Masterman In den 1950-er Jahren wurde von einer an Sprache, Philosophie und Informatik interessierten Studentengruppe aus Cambridge die CLRU, die Cambridge Language Research Unit gegr\u00fcndet. 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