Zascerinskij_FD_Positionsbestimmung_ForschendesLehren_SS_2013

Im Fokus dieses Beitrags steht die Positionsbestimmung zum Konzept des „Forschenden Lehrens“. Anhand theoriegeleiteter und praxisorientierter Literatur möchte ich mein eigenes Verständnis vom Lehrer als Forscher herleiten und unterstützen.

Das Rahmenkonzept des „Forschenden Lehrens“ kann nicht durch eine allumfassende und einheitliche Begriffsbestimmung definiert werden. Der Bedarf des „Forschenden Lehrens“ findet seinen Ursprung in der Veränderung der Umwelt. Die akademische Ausbildung ist ein stetiger Entwicklungsprozess, der „professionstheoretische Reformulierung des Lehrerhandelns“ (Altrichter/Posch 2007: 337) impliziert. Die Reformulierung des Lehrerhandelns bedeutet gleichzeitig, dass die Entwicklung der Kompetenzen während der Lehrerbildung an institutionelle und organisatorische Rahmenbedingungen anzupassen ist. Auch Kremer und Ertl (2005) stützen ihren Ausgangspunkt auf Veränderungen der Umwelt. Dazu zählt der Wandel des „gesellschaftlichen Wertepluralismus“, der „Interkulturalität“ und der „Ansprüche der heutigen Wissensgesellschaft“ (Ertl/Kremer 2005: 1). Der Wandel unserer Gesellschaft stellt gleichermaßen einen Anspruch an Lehrkräfte, die mit dem Umgang mit neuen Herausforderungen und curricularen Rahmenbedingungen konfrontiert werden (vgl. Ertl/Kremer 2005: 1). Die Besonderheiten der Arbeitsumgebung wie die unterschiedlichen Bildungsmaßnahmen und die Organisation des Berufskollegs sind damit bei der Unterrichtsvorbereitung zu berücksichtigen (vgl. Kremer 2011: 341f.). Kremer und Ertl (2005) verweisen zudem auf ein „Spannungsfeld zwischen den Bedürfnissen der Lernenden, den Anforderungen der fachlichen Domäne und den Ansprüchen des Lehrenden an sich selbst“ (Ertl/Kremer 2005: 1). Diese Diskrepanz setzt ein anderes Selbstverständnis der Lehrkräfte sowie neue Anforderungen voraus (vgl. Altrichter/Posch 2007: 320). Aufgrund dessen wird eine „Innovationsfähigkeit und –bereitschaft“ (Ertl/Kremer 2005: 2) gefordert. Altrichter und Posch begründen die Notwendigkeit zur Innovation und vorhergehenden Forschung damit, dass die Verbesserung des Unterrichts nicht dadurch gekennzeichnet werden kann, dass Standards vorgegeben werden. Vielmehr ist es wichtig, dass Lehrer eine Expertise und Fähigkeit sowie Bereitschaft zur Weiterentwicklung veräußern. (vgl. Altrichter/ Posch 2007, S. 23). Meiner Meinung kann die theoretische Ausbildung diese Kompetenz lediglich fördern, jedoch nicht ausreichend vorbereiten. Lehrer werden immer mehr mit neuen und komplexeren Situationen konfrontiert. Die akademische Ausbildung liefert jedoch nur begleitende Instrumente und ein Fundament systematischer Erkenntnisse, die in situationsgebundenen Problemen hilfreich sind. Die Fähigkeit mit Entwicklungen und Veränderungen umzugehen, kann eine theoretische Ausbildung jedoch nicht vollständig leisten (vgl. Ertl/Kremer 2005: 2).

Die Liste der Kompetenzen für Lehrkräfte kann daher ins Unendliche fortgeführt werden. Ich möchte jedoch im Folgenden darauf eingehen, welche Kompetenzen im Zuge des „Forschenden Lehrens“ relevant sind und wie diese mit der akademischen Ausbildung im Zusammenhang stehen. Ausgangspunkt des „Forschenden Lehrens“ ist professionelles Lehrerhandeln. Professionelle Kompetenzen werden innerhalb der Ausbildung durch Erfahrung und Routine erworben (vgl. Blömeke 2003; Schönknecht 2011: 1). Basierend auf Wissen, Routine und dem Berufsethos geht es darum, dass Lehrkräfte über ein breites und spezifisches Wissen verfügen und dieses Wissen auch vermitteln können. Lehrer agieren als Experten, in dem sie Probleme und Schwierigkeiten erkennen und anhand ähnlicher Situationen Entscheidungen treffen und handeln (vgl. Schönknecht 2011: 1). Schönknecht beschreibt in ihren Ausführungen, dass die Lehrerausbildung jedoch einen geringen Einfluss auf professionelles Lehrerhandeln hat, da dieses in der Berufspraxis erworben wird und „biographisches Lernen hier keine Rolle spielt“ (Schönknecht 2011: 20). Kremer und Zoyke (2007) bezeichnen die Bereitschaft das eigene Handeln zu verändern und zu verbessern als einen wichtigen Baustein für professionelles Lehrerhandeln. „Innovieren“ wird daher als eine Hauptaufgabe von Lehrkräften angesehen (vgl. Kremer/Zoyke 2007: 5). Altrichter und Posch sprechen von der Fähigkeit Entwicklung zu erfassen und den Unterricht durch Expertise zu verbessern (vgl. Altrichter/Posch 2007: 23). „Innovieren setzt somit Forschen voraus“ (Kremer/Zoyke 2007: 5) und ist daher eine zentrale Kompetenz des „Forschenden Lehrens“. Lehrende sollen in der Lage sein, Probleme und Defizite zu erkennen, Verbesserungsmöglichkeiten zu entwickeln und Maßnahmen einzuleiten, die in ihrem Arbeitsalltag langfristig integriert werden können (vgl. Kremer/Zoyke 2007: 5; Altrichter/Posch 2007: 13ff.). In den Standards für Lehrerbildung der Kultusministerkonferenz aus 2004 (KMK) ist Innovieren als einer der vier Hauptkompetenzen neben Unterrichten, Beurteilen und Erziehen aufgeführt. Dazu gehört es die eigenen Kompetenzen weiterzuentwickeln, sich an schulischen Projekten zu beteiligen und den Lehrerberuf als „eine ständige Lernaufgabe zu verstehen“ (KMK 2004: 12f.). Im Fokus der Kompetenz steht die kritische Reflexion der eigenen Einstellung und des Handelns sowie die Nutzung von Ergebnissen aus der Bildungsforschung für eigene Tätigkeiten (KMK 2004: 12; Altrichter/Posch 2007: 337f.).

In diesem Bildungskomplex „schlüpft“ der Lehrende in unterschiedliche Rollen. Zum einen ist er Forscher und Lehrender und zum anderen ist er selbst Lernender (vgl. Kremer 2011: 341). Die Innovationskompetenz stellt an Lehrkräfte den Anspruch, dass sie sich mit Lernprozessen auseinandersetzen (Kremer/Zoyke 2007: 7). Aus meiner Sicht kann Lernen als eine Basis von Lehren angesehen werden. Damit eine Wissensvermittlung stattfinden kann, muss die Lehrperson erst mal dieses Wissen aneignen. Dann müssen Methoden und Formen der Wissensvermittlung gegeneinander abgewogen werden, um dann zu entscheiden, wie das Wissen an die Lernenden herangetragen werden kann. Somit beschäftigt sich eine forschende Lehrkraft sowohl mit dem „Forschenden Lehren“ als auch mit dem „forschenden Lernen“. Forschendes Lernen ist daher ein „methodisches Prinzip für die Gestaltung von Lehre“ (Euler 2005: 14), indem Konzepte darauf untersucht und evaluiert werden, ob sie Werkzeuge zur Erklärung und Gestaltung von Praxis sind (vgl. Euler 2005: 16). Somit ist der Lehrende selbst ein Forscher. Betrachtet man „Forschendes Lehren“ unter dieser Annahme, können Parallelen zur Aktionsforschung (action research) gezogen werden (vgl. Kremer/Zoyke 2007: 7; Altrichter/Posch 2007: 12ff.).

„Action research is a common-sense approach to personal and professional development that enables practitioners everywhere to investigate and evaluate their work, and to create their own theories of practice.“ (McNiff 2002: 1)

Diese Definition der Aktionsforschung fokussiert insbesondere den Aspekt der kritischen Reflexion des eigenen Handelns und verweist zudem darauf, dass eigene Konzepte und Theorien abgeleitet werden können. „Action research involves learning in and through action and reflection […]. (McNiff/Whitehead 2005: 15). Der Ansatz der Aktionsforschung verdeutlicht zudem, dass der Lehrende als ein Bestandteil des Forschungsgegenstands in einem sozialen Gefüge zu betrachten ist (vgl.t McNiff/Whitehead 2005: 15f.)

Bislang lässt sich aus den vorherigen Ausführungen entnehmen, dass „Forschendes Lehren“ ein Konzept ist, das maßgeblich die Innovationskompetenz der Lehrkräfte anspricht. Lehrpersonen befinden sich demnach in einem ständigen Lernprozess, der sie dazu antreibt das eigene Handeln zu hinterfragen, zu evaluieren, zu reflektieren und zu verbessern, um sich an wandelnde Rahmenbedingungen anzupassen. Diese wissenschaftliche Handlungsform setzt somit eine forschende Haltung des Lehrenden voraus. Aufgabe eines forschenden Lehrenden ist es die eigenen Kompetenzen stetig weiter zu entwickeln, um diese Erfahrungen in die Unterrichtsqualität einzubringen und die berufliche Handlungskompetenz auszubauen. Um es mit den Worten von Euler zu vollenden, lässt sich sagen:

„Wissenschaft ist demnach ein kontinuierlicher Prozess der Erkenntnisgewinnung, der prinzipiell nie abgeschlossen ist. Die Lehre speist sich aus der Forschung, das Erlernen von wissenschaftlichem Denken geschieht am wirkungsvollsten durch die Teilhabe an der Forschung.“ (Euler 2005: 3)

 

Literaturverzeichnis

Altrichter, H./ Posch, P. (2007). Lehrerinnen und Lehrer erforschen ihren Unterricht. Unterrichtsentwicklung und Unterrichtsevaluation durch Aktionsforschung. 4. Auflage. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Blömeke, S. (2003). Professionelles Lehrerhandeln. Kriterien und aktuelle empirische Erkenntnisse aus der Unterrichtsforschung. Vortrag an der Universität Passau. 11.10.2003

Ertl, H./Kremer, H.-H. (2005) (Hrsg.). Innovationskompetenz von Lehrkräften an beruflichen Schulen. In: Innovationen in schulischen Kontexten. Ansatzpunkte für berufsbegleitende Lernprozesse bei Lehrkräften. Paderborn: Eusl. Online: http://www.bwpat.de/spezial2/ertl_kremer_spezial2-bwpat.pdf (28.04.2013).

Euler, D. (2005). Forschendes Lernen. In: Wunderlich, W./Spoun, S. (Hrsg.): Studienziel Persönlichkeit. Beiträge zum Bildungsauftrag der Universität heute. Frankfurt/ New York: Campus, S. 253-272. Online: http://www.edudoc.ch/static/infopartner/iwp_fs/2005/iwp27_250105.pdf (26.04.2013).

McNiff, I. (2002). Action research and principles and practice. London: Routledge.

McNiff, J.; Whitehead, J. (2005). Action research for teachers – a practical guide. London: David Fulton.

KMK (2004). Standards für die Lehrerbildung: Bildungswissenschaften. Online: http://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2004/2004_12_16-Standards-Lehrerbildung.pdf (28.04.2013).

Kremer, H.-H. (2011). Praxisphasen und Professionalisierung in der Lehrerbildung – Überlegungen zur Gestaltung des Praxissemesters. In: Prieß, W. (Hrsg.), Wirtschaftspädagogik zwischen Erkenntnis und Erfahrung – Strukturelle Einsichten zur Gestaltung von Prozessen. Norderstedt: Books on Demand GmbH.

Kremer, H.-H./ Zoyke, A. (2007). Fachdidaktisches Praktikum als Ankerpunkt der Professionalisierung. In: Berufs- und Wirtschaftspädagogik – Online. Ausgabe Nr. 12: Qualifizierung von Berufs- und Wirtschaftspädagogen zwischen Professionalisierung und Polyvalenz. Online: http://www.bwpat.de/ausgabe12/kremer_zoyke_bwpat12.pdf (28.04.2013).

Schönknecht, G. (2011). Die Entwicklung der Innovationskompetenz von Lehrer/-innen aus (berufs-) biographischer Perspektive. In: Innovationen in schulischen Kontexten. Ansatzpunkte für berufsbegleitende Lernprozesse bei Lehrkräften. Paderborn: Eusl. Online: http://www.bwpat.de/spezial2/schoenknecht_spezial2-bwpat.pdf (28.04.2013).

5 Gedanken zu „Zascerinskij_FD_Positionsbestimmung_ForschendesLehren_SS_2013

  1. mrohner

    Hi Anastasia,
    dir ist es wirklich gut gelungen, dein Meinungsbild mit einer Vielzahl an Literatur zu verknüpfen. Teilweise hätte ich mir eine Argumentationsweise gewünscht, die etwas kritischer mit der Literatur umgeht. Besonders dein Gedankengang,dass eine theoretische Ausbildung nicht ausreichend ist um auf Entwicklungen und Veränderungen angemessen reagieren zu können, empfand ich als interessant und hätte mir an der Stelle noch einen Gegenvorschlag gewünscht, wie man Praxis in die Ausbildung bekommt. Vor allem, weil ich persönlich eher die Meinung vertrete, dass durch die theoretische Ausbildung sozusagen dein Werkzeugkoffer gefüllt wird, mit dem es sehr wohl möglich ist angemessen auf Veränderungen zu reagieren.
    Der Einstieg ist gut gelungen, da er die Schwierigkeit des Begriffes „forschendes Lehren“ verdeutlicht.
    Zudem gefällt mir auch der Schluss sehr gut, da hier die zentralen Punkte zusammgefasst werden.

    Viele Grüße, Markus =)

  2. Perihan Ay

    Hi Anastasia,

    in deinem Beitrag ist es dir sehr gut gelungen die Notwendigkeit des Konzepts „Forschendes Lehren“ zu verdeutlichen. Zudem hast du auch viele wichtige, im Zuge des „Forschenden Lehrens“ für die Lehrkräfte erforderliche, Kompetenzen aufgeführt. Ich bin auch der Meinung, dass die Fähigkeit zu professionellem Lehrerhandeln nicht vollständig durch Lehrerausbildung geleistet werden kann. Aber meiner Ansicht nach hat diese einen großen Einfluss auf professionelles Lehrerhandeln. Bspw. sollte die Fähigkeit zum Umgang mit dem Konzept „Forschendes Lehren“, das im Rahmen der Lehrerprofessionalisierung eine große Bedeutung hat, während der Lehrerausbildung vermittelt werden. In deinem Beitrag hat mir auch gut gefallen, dass du deine Meinung durch Einbeziehung verschiedener geeigneter Literatur untermauert hast. Insgesamt ist dein Beitrag, meiner Meinung, nach sehr strukturiert und inhaltlich verständlich.

    LG
    Perihan

  3. Vera

    Hi Anastasia,
    dein Post lässt sich gut lesen und deine Ausführungen sind gut verständlich sowie nachvollziehbar. Allerdings fällt es mir an einigen Stellen des Posts schwer zu unterscheiden, was deine eigene Position und was aus der Literatur entnommen ist. Zudem fehlt mir die kritische Betrachtung der Thematik bzw. die kritische Auseinandersetzung mit der Literatur. Gut finde ich deinen Schluss, in dem du noch einmal wichtige Aspekte zusammenfasst und deinen Post „abrundest“.
    Sonnige Grüße, Vera

  4. Diana Tazman

    Hallo Anastasia,

    an deinem Post gefällt mir besonders gut, dass du das Konzept „Forschendes Lehren“ aus verschiedenen Blickwinkeln durchleuchtest, indem du einerseits auf den Entwicklungsprozess von angehenden Lehrerinnen und Lehrern während der akademischen Ausbildung sowie auf die innovative Grundhaltung von ausgebildeten Lehrpersonen eingehst. Mir gefällt es gut, dass deine Ausführungen durch die Anlehnung an Fachliteratur unterstrichen werden. Zudem ist positiv anzumerken, dass du in deinem Text den Zusammenhang zwischen den beiden Begriffen „Forschendes Lernen“ und „Forschendes Lehren“ erläuterst. Abschließend betrachtet, finde ich, dass du deinen Beitrag zur Positionsbestimmung sowohl äußerlich als auch inhaltlich stringent strukturiert hast, sodass er gut zu lesen war.

    Liebe Grüße 😉

  5. gockelc

    Hallo Frau Zascerinskij,

    zunächst möchte ich auf die folgende Aussage in Ihrem Text eingehen: „Die Fähigkeit mit Entwicklungen und Veränderungen umzugehen, kann eine theoretische Ausbildung jedoch nicht vollständig leisten.“ Was ist nach Ihrer Auffassung schließlich zu tun, dass Lehrkräfte befähigt werden, mit Entwicklungen und Veränderungen adäquat umzugehen?

    Weiterhin erschließt sich mir die folgende Aussage aus Ihrer Positionsbestimmung noch nicht so ganz: „Vielmehr ist es wichtig, dass Lehrer eine Expertise und Fähigkeit sowie Bereitschaft zur Weiterentwicklung veräußern.“

    Sie schreiben weiterhin: „Lehrpersonen befinden sich demnach in einem ständigen Lernprozess, der sie dazu antreibt das eigene Handeln zu hinterfragen, zu evaluieren, zu reflektieren und zu verbessern, um sich an wandelnde Rahmenbedingungen anzupassen.“

    Ist das wirklich so? Befinden sich Lehrkräfte tatsächlich in einem ständigen Lernprozess, der sie dazu antreibt das eigene Handeln zu hinterfragen? Was ist möglicherweise zu tun, dass eine solche Haltung bei den Lehrkräften entwickelt wird?

    Viele Grüße

    Christof Gockel

Schreibe einen Kommentar